Samstag, 3. Mai 2008

Verlies war durch 2 Stahltüren versperrt: Polizei geht bei Ermittlungen "die Luft aus"

  • Tatortarbeit erschwert: Sauerstoff knapp im Keller
  • Architektur von Josef F. gibt Exekutive Rätsel auf

Im Inzest-Fall von Amstetten konzentrierten sich die Ermittler weiter auf das Verlies, in dem der 73-jährige Josef F. seine Tochter 24 Jahre lang gefangen und missbraucht haben soll. Dabei stellte sich heraus, dass ein zweite Tür die geheimen Räumlichkeiten absicherte, sagte Chefermittler Franz Polzer. Die Tatortarbeit gestalte sich wegen der Enge schwierig. Wie zudem bekannt wurde, soll Opferanwältin Eva Plaz nun doch in die Betreuung der Familie eingebunden werden.

Wie die Ermittler feststellten, hatte Josef F. gleich zwei Stahltüren vor dem Verlies angebracht. Auch die zweite Tür war offenbar elektronisch gesichert und mit einer Funkfernsteuerung zu öffnen, sagte Polzer. Die Kriminalisten stehen nun vor mühsamer Kleinarbeit, vor allem wegen der räumlichen Gegebenheiten. So müssen die Kriminaltechniker in den engen Räumlichkeiten häufig Pausen einlegen, da buchstäblich die Luft knapp wird. Zudem arbeiten die Beamten in dem Verlies mit Mundschutz, um zu verhindern, dass fremde DNA an den Tatort gelangt.

Polzer geht davon aus, dass die Tatortarbeit unter diesen Umständen noch einige Wochen in Anspruch nehmen wird. "Die Kriminaltechniker müssen minuziös jedes Detail dokumentieren." Es werde fotografiert, gefilmt und gezeichnet. Bezüglich der Türen werde voraussichtlich bald ein Sachverständiger bestellt werden. Zusätzlich müssen die Einrichtungsgegenstände und die Besitztümer von Elisabeth F. und ihren Kindern, die mit ihr gefangen waren, dokumentiert werden.

Architektur gibt Rätsel auf
Die von F. heimlich angelegte Architektur gibt den Ermittlern zahlreiche Rätsel auf. "In dem Verlies gibt es unglaublich viele Rohre, die plötzlich in Wände münden. Vieles ist mit Bauschaum ausgeschäumt und dadurch sehr gut abgedichtet und schallgedämmt", erläuterte Polzer. "Das muss alles untersucht werden. Außerdem müssen die elektrischen Zu- und Ableitungen rekonstruiert werden, das ist für die Techniker eine wahre Sisyphusarbeit. Es gab ja Licht und Geräte wie Kühlschrank und eine kleine Waschmaschine."

"Eine große Herausforderung wird sein, zu ermitteln, welche Absicht und welche Planung hinter dem Verlies stehen", erläuterte Polzer. Eine der Fragen dabei: Von welchem Zeitpunkt an hat Josef F. die Errichtung dieses abgeschotteten Zubaus geplant, der nur zu erreichen ist, nachdem man fünf andere Kellerräume durchquert hatte, von denen der letzte der persönliche Bereich des Verdächtigen war. Wann der 73-Jährige neuerlich einvernommen wird, stehe noch nicht fest.

"Das Familienbild an sich ist komplett", sagte der Ermittlungsleiter. "Es zeigt, dass der Verdächtige nicht nur ein herrischer, autoritärer Menschen ist, sondern ein echter Tyrann, der keine Fragen zugelassen hat. Wo er sich bewegt und aufgehalten hat, war tabu. Ein besonderes Tabu war der Keller."

Juristischer Streit beigelegt
Der Streit um die juristische Betreuung der Opfer war unterdessen beigelegt. Nachdem auch Justizministerin Maria Berger die Bestellung des renommierten Wiener Gesellschafts- und Bankwesen-Spezialisten Christoph Herbst zum Opferanwalt im Fall Josef F. und die "Ausbootung" der erfahrenen, zunächst von der Interventionsstelle nominierten Opferanwältin Eva Plaz kritisiert hatte, soll nun doch die ausgewiesene Spezialistin zum Zug kommen.

Wie die Opferhilfeorganisation "Weißer Ring" bekanntgab, soll sich die Juristin um die Prozessbegleitung und die pflegschaftsrechtlichen Angelegenheiten der Kinder bzw. Enkel des 73-jährigen Josef F. kümmern. Herbst soll die wirtschaftliche Seite abdecken.

Plaz legte Wert auf die Feststellung, "dass bezüglich der Übernahme noch nichts entschieden ist und nichts über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden werden wird". (apa/red)

3.5.2008 13:36