Platter ruft Gesellschaft zu Wachsamkeit
auf: "Hinschauen, nicht wegschauen"
- Bei Verdacht auf häusliche oder sexuelle Gewalt
- Im Jahr rund 1.000 Abgängigkeitsmeldungen

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Experte: Öffentlichkeits-
Interesse "zweischneidig"
·Platter: "Hinschauen, nicht wegschauen"
Forderung: Gesellschaft müsse wachsam sein
In Verdachtsfällen von häuslicher oder sexueller Gewalt "hinschauen, nicht wegschauen": Diesen Appell richtete Innenminister Platter in der TV-Sendung "Im Zentrum" an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft müsse wachsam sein, die Polizei brauche Partner. Weiters sei es eine Verpflichtung, die Kinder des Missbrauchsopfer in Ruhe zu lassen. Ansprechpartner seien Polizei und Interventionsstellen.
Eine Antwort darauf, wie dieser die menschliche Vorstellungskraft übersteigende Fall möglich war, gebe es nicht: Franz Lang, Chef des Bundeskriminalamtes, verwies auf die perfekte Legende, die der Tatverdächtige aufgebaut hatte. Im Jahr gebe es österreichweit rund 1.000 Abgängigkeitsmeldungen, von denen zwei Prozent "mit vielen Fragezeichen" übrigbleiben. Die Ermittlungen zu Vermissten seien schwierig, gelte es doch, tief in die Privatsphäre einzudringen.
"Ermittlungen bis 1984 und noch früher zurück"
"Völlig neu" in diesem Fall, so Lang, seien die von der Eingesperrten offenbar unter Zwang handgeschriebenen Briefe. Die Schreiben dienten dem Verdächtigen als "Legitimierung" für die Legende des Untertauchens der Tochter sowie der "Abgabe" ihrer Kinder im Elternhaus. Was seitens der Exekutive unternommen wurde, nachdem die Kleinkinder "gefunden" worden waren, "werden wir uns genau anschauen müssen", sagte Lang. Die Ermittlungen würden bis 1984 und noch früher zurück geführt werden.
Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze berichtete, dass der 73-Jährige eine elektrotechnische Ausbildung hatte und früher Unternehmer war. Es habe zwei Verfahren gegen ihn gegeben, die allerdings bereits getilgt sind. Die Räume im Keller seien perfekt getarnt gewesen: Eine mit diversen Dosen und Gegenständen angeräumte Stellage befand sich vor der elektronisch abgesicherten Stahlbetontür, hinter der vier Menschen ein unvorstellbares Martyrium erlebten.
"Wer soll auf die Idee kommen?"
Nach dem "Untertauchen" der heute 42-Jährigen hätten die Behörden Nachforschungen angestellt - ebenso einige Jahre später nach dem Auffinden der Kinder: ohne Ergebnis. "Wer soll auf die Idee kommen, dass die leibliche Mutter im Keller eingesperrt ist", verwies Lenze auf das unfassbare Geschehen.
Der Kinderpsychiater Max Friedrich forderte ebenfalls Zivilcourage ein, wenngleich der Grat zum Vernaderertum schmal sei. Weggesperrt und der Freiheit beraubt zu sein, nicht lernen, spielen, kommunizieren zu können - das hinterlasse tiefe seelische Spuren. Es gelte, die Opfer mit Hilfe von stützender Traumatherapie an das Leben heranzuführen, sagte Friedrich.
(apa/red)
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