Dienstag, 20. Mai 2008

Internet sprengt alte Form des Eigentums: Ars Electronica über Besitz und Raubkopie

  • Künstler, Wissenschaften und Juristen im Gespräch

Musik ist frei kopierbar, Informationen und Nachrichten sind jederzeit abrufbar, Open-Source-Software kann weitgehend kommerzielle Produkte ersetzen - die Welt ist in der lange gepriesenen Wissensgesellschaft angekommen und hat dort eine kräftige Überraschung erlebt: Denn jenes Wissen, das so wertvoll für den Einzelnen und die Gesellschaft sein soll und auch jener Vorsprung, den etwa Europa vor den wirtschaftlich starken asiatischen Ländern haben soll, ist plötzlich gratis zu bekommen.

Das Linzer Computerkunstfestival Ars Electronica setzte sich unter dem Motto "A New Cultural Economy" damit auseinander, wie jenes viel gepriesene "Eigentum an seine Grenzen stößt", sagte Ars-Chef Gerfried Stocker.

Neue Realitäten
Künstler, "Netzwerknomaden", Theoretiker, Rechtsgelehrte und Wissenschafter beschäftigten sich in den Ausstellungen und einem vom japanischen Internetguru Joi Ito geleiteten Symposium mit diesen neuen Realitäten der Informationsgesellschaft. Denn die Vertriebsindustrie kämpft zwar etwa im Musikbereich "für alte rechtliche Schutz-Instrumente", indem gerichtlich gegen Raubkopierer vorgegangen wird. Auch in der Pharmaindustrie und der Biotechnologie soll mit Patenten auf genetische Codes, Saatgut oder Lebewesen Geld gemacht werden. Aber "die gängige Vorstellung von Besitz passt nicht mehr", sagte Stocker. Paradebeispiel sei Google: Wirtschaftlich höchst erfolgreich, stellt das Unternehmen dennoch all seine Produkte den Usern gratis zur Verfügung und macht sein Geld anderswo - durchaus auch auf Arten, die für Kritik sorgen.

Die Ars Electronica hinterfragte nun die gängigen Vorstellungen der Wissensgesellschaft - denn diese sei "von verschiedenen Richtungen aus in der selben Sackgasse gelandet", so Stocker. Das Festival machte sich insbesondere auf die Fersen einer "sharing economy", wie sie etwa in der Wissenschaft oder der Open Source-Gemeinschaft bereits existiert. Dies "funktioniert wirklich", so Stocker. Und auch ehemals skeptische Zweige kommen schön langsam dahinter, was durch Gratis-Content oder freie Vertriebswege gewonnen werden kann. Die in Urheberrechtsfragen derzeit noch mit allen Mitteln gegen Neuerungen kämpfende Musikindustrie macht dies übrigens selbst bereits seit Jahrzehnten: TV-Sendern zur Verfügung gestellte Musikvideos sorgten seit den 1980er Jahren für kräftige Verkaufszuwächse bei den Tonträgern.

Grenze des Urheberrechts
Insbesondere das Urheberrecht sei im wahrsten Sinne des Wortes an seine Grenzen gestoßen, so Stocker: Es sei ein "enorm hoher Aufwand" selbst innerhalb der EU notwendig, wenn man Content grenzüberschreitend anbieten will. Das Copyright sei jedoch "der gordische Knoten der Wissensgesellschaft", und dessen Neubewertung solle nicht den Juristen überlassen werden: "Wir brauchen breiten gesellschaftlichen Konsens" darüber, wie künftig mit urheberrechtlich geschützten Werken umgegangen werden soll, sagte Stocker. (apa/red)

20.5.2008 09:54