Kosovo: Wie die Zogajs jetzt leben
- Arigonas Familie: Abgeschoben & vergessen

Stockdunkle Nacht. Schwärze, bloß aufgehellt von Flammen, die aus herumstehenden Mülltonnen lodern. Sie werfen ein wenig Licht auf die vorbeihuschenden Gestalten: einen Mann, der seinen schlafenden Sohn auf dem Arm trägt, sowie zwei Burschen und ein kleines Mädchen, die müde hinter ihm her trotten.
Nachts ersetzt in dunklen Ecken das Feuer die fehlende Beleuchtung in der Stadt Peja im Westkosovo und bietet dort etwas Wärme, wo der Strom wieder einmal versagt. Die fünf sind zu Fuß unterwegs und haben noch einen weiten Weg vor sich. Mehr als sechs Monate sind seit ihrem Eintreffen hier vergangen, doch wirklich angekommen sind sie bis heute nicht. Genauso wenig wie Arigona Zogaj je hier ankommen wollte. Lieber sterben würde ich, als freiwillig in den Kosovo zurückzukehren, drohte die 15-Jährige im September des Vorjahres, versetzte Österreich damit in Aufruhr und brachte Innenminister Günther Platter gehörig in Bedrängnis.
Abgeschoben in die Hoffnungslosigkeit. Allzu herzlos würde er agieren, warf man ihm vor, denn wie könne man eine Familie, die bereits sieben Jahre im Land war, gut Deutsch sprach und als integriert galt, bei Nacht und Nebel dorthin abschieben, wo sie keine Zukunft besäße. Durch ihr Abtauchen blieb Arigona und Mutter Nurie dieses Schicksal vorerst noch erspart. Ein Schicksal, das die restlichen Zogajs nun durch die kosovarische Nacht trotten lässt. Vorbei an Autos, die sich durch tiefe Schlaglöcher quälen, am Müll, der langsam vor sich hin fault, und an streunenden Hunden, die darin noch nach Fress- barem suchen. Über einen steilen Hang windet sich die staubige Straße nach oben, gesäumt von armseligen Holzhütten, bis hin zum neuen Zuhause der Zogajs. Dieses wirkt am nächsten Morgen fast beschaulich. Ein kleiner Rohbau aus roten Ziegeln, wie so viele hier im Kosovo, die nach dem Krieg errichtet wurden. 100.000 solcher Häuser soll es bereits geben, informierte das Innenministerium eilfertigst im Herbst auf einer Pressekonferenz und gab damit wohl zu verstehen, dass in einem davon die Zogajs schon Unterschlupf finden würden.
Haben sie auch seit vier Tagen, wie Vater Dzevat sagt. Verbittert blickt er aus dem Fenster beobachtet seinen Sohn, den neunjährigen Albin, wie er zwischen all dem Müll, der den halben Hang bedeckt, umhertollt, sieht seine Tochter, die achtjährige Albona, die in den Ruinen eines abgefackelten Hauses spielt. 150 Euro Miete muss ich im Monat zahlen, berichtet Dzevat und zieht seine Geldbörse hervor, die bis auf ein paar Münzen genauso leer ist wie der Kühlschrank. Wir sichern der Familie Zogaj breite Unterstützung für die Integration im Kosovo zu, versprach hingegen Mathias Vogl, Sektionschef im Innenministerium, noch im Herbst vollmundig. Tatsächlich erhalten hat die Familie Zogaj 250 Euro. Bei der Ankunft am Flughafen Pristina. Gäbe es den Pfarrer Friedl nicht, wären wir schon im Winter verhungert, wird Dzevat später, ein paar Kilometer weiter, hoch oben in den Bergen, berichten und dabei auf die abgebrannten Grundfesten seines einstigen Hauses starren.
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