Klassik-Geschäft: Diven an die Macht
- Netrebko & Garanca ohne Klassik-Krise

Die Primadonnen singen in Wien Romeo und Julia. Beide verkörpern Ausnahmeformat im Klassik-Geschäft.
Die Damen arbeiten seit vergangener Woche, als gelte es, Anna Netrebkos sich anbahnende Schwangerschaftspause in Wochenfrist abzuarbeiten. Geprobt wurde im Wiener Konzerthaus seit 16. April, das Wochenende inbegriffen. Dienstag begann die Aufführungsserie von Bellinis Romeo-und-Julia-Oper I Capuleti e i Montecchi, konzertant nur, doch mit dem Begleitaufwand einer erstklassigen Opernpremiere. Der CD-Mitschnitt, durchaus ein Hauptmotiv der Veranstaltung, soll 2009 in den Handel gelangen. Und die Besetzung ist die höchstverfügbare, die man heute nach den Gesichtspunkten der Kunst wie des Marketings aufbieten kann: Die Mezzosopranistin Elina Garanca, 31, ist der Romeo und die Sopranistin Anna Netrebko, 36, die Julia.
Beide sind in der ehemaligen Sowjetunion geboren die Netrebko in der südrussischen Provinzstadt Krasnodar, die Garanca in der heute weltstädtisch leuchtenden lettischen Metropole Riga. Beide verbinden künstlerisches Hochformat mit einnehmendem Äußerem. Beide stehen bei der bald letzten Weltmacht der Klassik-Industrie, dem Label Deutsche Grammophon, unter Vertrag. Beider Aufstieg zur Mediengroßmacht wurde vom Marktführer IMG Artists, der auch die Wiener Capuleti-Produktion mitveranstaltet, auf den Weg befördert. Hier allerdings bahnt sich Leichtentflammbares an: IMG-Senior Vice President Jeffrey Vanderveen macht sich selbständig. Mit ihm gehen Elina Garanca und Anna Netrebko, was nicht viel weniger als ein tektonisches Beben in der Branche bedeutet. Angeblich will das Unternehmen die auch wirtschaftlich schmerzhafte Transaktion gerichtlich anfechten.
Delikates Verhältnis. Vanderveen aber fällt die delikate Aufgabe zu, zwei Superstars in ein synergetisches Verhältnis zu bringen und doch in der erforderlichen Distanz voneinander zu halten. Netrebkos Popularität brachte es mit sich, dass klassische Musik plötzlich auch für Medienerzeugnisse aus dem geistigen Niedrigpreissegment zum Thema wurde. Dort wurde es bald zur Übung, periodisch zweite, dritte und vierte Netrebkos auszutrommeln. Eine Sopranistin, die sich im vergangenen Salzburger Sommer mit einer Haydn-Oper quälte, wurde des tepperlhaften Prädikats ebenso teilhaftig wie jetzt die begabte Georgierin Nino Machaidze, die dem Festspieleinsatz als Einspringerin für die schwangere Netrebko in Gounods anderer Romeo-und-Julia-Oper entgegenzittert. Vor Jahresfrist konnte nicht einmal das konträre Stimm- und Rollenfach verhindern, dass sich die Garanca medial als blonde Netrebko belästigt sah. Da befand sie, dass es genug wäre. Sie stornierte das bedeutungslose Salzburger Sakralkonzert, dem in weiterer, tumultöser Folge erkrankungshalber dann auch die Netrebko abhanden kam.
Heute sind die gemeinsamen Auftritte klug bemessen. Die Capuleti, die im Frühjahr in London wiederkommen, sind für zwei Primadonnen gleichen Ranges geschrieben. In derCarmen, mit der Holender 2010 seine Amtszeit beschließt, ist Titelheldin Garanca der als Micaela verpflichteten Kollegin klar übergeordnet. 2011, in der ersten Saison der neuen Staatsoperndirektion, singen beide Donizettis Anna Bolena (NEWS hat über beide Ereignisse exklusiv berichtet). Hier sind die Lasten zwischen Titelkönigin Netrebko (als zweite Gattin des Wüterichs Heinrich VIII.) und Garanca (als deren siegreiche Rivalin Jane Seymour) demokratisch verteilt.
EM-Fernduell. Gemeinsame Gala-Auftritte wie zuletzt in Abu Dhabi sind in beider Terminplänen nicht mehr auffindbar, zumal im Tenor Rolando Villazón und im Lebensgefährten Erwin Schrott Netrebko-kompatiblere Partner gefunden sind. Dafür kommt es um die Wiener Fußball-EM zu jenem sportiven Vorgang, der in Fachkreisen als Fernduell geläufig ist: Beide Damen bestreiten protagonistisch je eine Operngala vor Massenpublikum.
Am 27. Juni fährt vor Schloss Schönbrunn die Troika Netrebko/Villazón/Domingo zum Gipfeltreffen der Stars auf. Zuvor, am 23. Juni, bestreitet die Garanca in der Stadthalle eine Gala der Opernweltstars, für die auch die Koloratursopranistin Edita Gruberova aufgeboten ist.
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