Freitag, 25. April 2008

In Russland brummt der Bär immer lauter:
FORMAT über den neuen Wirtschaftsboom

  • Nach der Finanzkrise ist Russland erneut erwacht
  • Aus dem reichen Land erwachsen potente Oligarchen

Die russische Wirtschaft wuchs in den letzten Jahren um sieben Prozent pro Jahr. Das Land ist reich geworden - mit ihm eine Klasse potenter Oligarchen und ausländischer Investoren. Die Zahl der Milliardäre steigt eindrucksvoll. Vor sechs Jahren waren es acht, letztes Jahr sechzig - und heuer reicht eine Milliarde Dollar nicht einmal mehr, um auf die Liste der reichsten hundert Russen zu kommen.

Auch das Vermögen der Reichsten wächst: Die reichsten hundert Russen verfügen heute gemeinsam über 522 Milliarden Dollar - fast viermal mehr als vor vier Jahren, errechnete das Magazin "Forbes". Doch mit dem Wirtschaftsboom wachsen auch die Probleme des Landes: Russland hängt am Öltropf, und die Wirtschaft ist wenig diversifiziert. Auch Klein- und Mittelbetriebe haben es aufgrund der Dominanz der Oligarchen schwer. Denn diese haben die Wirtschaft fest in der Hand.

Russen machen sich selbst reich
Sie sind alle knapp über vierzig, alle gut miteinander bekannt und wurden zu den Zeiten der Privatisierung der großen Staatsbetriebe reich - oftmals durch eigene Mithilfe: Ex-Vizepremier Vladimir Potanin etwa, siebtreichster Russe, erfand das berüchtigte Programm "Loans for Shares", das die Privatisierung vorantrieb und ihm gemeinsam mit Mikhail Prokorov (sechstreichster Russe) sehr günstig zur Gründung des Riesen Interros verhalf.

Oligarch Roman Abramovich
Das Vermögen von Roman Abramovich geht auf dasselbe Privatisierungsprogramm zurück, das ihm in den 1990ern zu einem wahren Schnäppchen verhalf - der Anteilsmehrheit der Ölfirma Sibneft, die er inzwischen an Gazprom verkauft hat. Im Ausland machen die Oligarchen durch spektakuläre Aufkäufe Schlagzeilen - oder durch ihr Auftreten: Suleiman Kerimov etwa, Parlamentarier und Gazprom-Milliardär, baute mit seinem Ferrari mitten auf der Promenade des Anglais in Nizza einen so spektakulären Unfall, dass das Auto in zwei Teile zerbrach. Mikhail Prokorov wurde in Frankreich unter dem Verdacht verhaftet, er betreibe einen Prostitutionsring (die Frauen waren allerdings alle für ihn bestimmt, er wurde wieder freigelassen).

Geschäftsbeziehungen zu Österreich
Einige der Oligarchen sind auch - geschäftlich - in Österreich hoch aktiv: Oleg Deripaska, der reichste Russe und Besitzer des ebenfalls privatisierten Aluminiumriesen Rusal, stieg mit 30 Prozent bei Peter Haselsteiners Strabag ein. Strabag sicherte sich damit lukrative Bauaufträge in Russland - nicht zuletzt, weil die Bauindustrie in den letzten Jahren im Schnitt um zwanzig bis dreißig Prozent wuchs.

Viktor Vekselberg, ebenfalls Privatisierungsgewinner und Vorstand des Öl-Joint-Venture TNK-BP, das mit seiner Renova Holding wiederum Anteile an Deripaskas Rusal besitzt, sorgte gemeinsam mit den Österreichern Georg Stumpf und Ronny Pecik in der Schweiz für Aufruhr: Das Investorentrio übernahm in zwei Stufen den Technologiekonzern Oerlikon und die Maschinenbauer Saurer und Sulzer. Derzeit allerdings streitet das Trio erbittert um die Macht bei Oerlikon.

Russische Wirtschaft von wenigen Riesen dominiert
Die Oligarchen spiegeln den Zustand der russischen Wirtschaft wider: Sie ist von wenigen Riesen dominiert, die meisten davon ehemalige Staatsbetriebe im Rohstoff- und Baubereich. Unternehmer, die mit einer eigenen Idee starten, haben es hingegen schwer. KMUs tragen weniger als 15 Prozent zum BIP bei, und nur fünf Prozent der russischen Unternehmen wurden in den letzten zehn Jahren gegründet, sagt die Weltbank. "Die meisten Unternehmen in Russland sind noch aus der Sowjet-Ära. Ihre Geschäfte sind oft sehr intransparent", bedauert Mikhail Karyakin, Chef des russischen Kreditfinanzierers Kapital Insurance Group. Dazu kommt eine gefährliche Abhängigkeit: Fast ein Drittel der russischen Wirtschaftsleistung besteht aus Öl- und Gasförderung. Vor zehn Jahren war es noch ein Achtel.

Ölforderungen gehen erstmals zurück
Diese Abhängigkeit ist umso bedenklicher, als die Ölförderungen nun erstmals zurückgehen. Das hat nicht unbedingt mit versiegenden Ölfeldern zu tun - sondern mit Politik: 2003 startete Wladimir Putin einen Angriff auf Yukos, das größte Ölunternehmen. Der Besitzer - Mikhail Chodorkovsky - landete im Gefängnis, die Zerschlagung des Konzerns wurde als Feldzug gegen die Oligarchen verkauft. Doch statt privater Unternehmen übernahmen staatliche und halbstaatliche Firmen die Reste von Yukos. Die Folgen dieser Politik für die Ölförderung: Investitionen blieben aus, die Fördermengen wuchsen langsamer und gehen ab jetzt zurück: "Eine höhere Fördermenge als 2007 werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr sehen", sagte Leonid Fedun, Vizechef von Lukoil, der "Financial Times".

Korruption im Steigen begriffen
Parallel zur Zahl der Milliardäre wächst auch die Korruption, die schon in den 1990ern ein Problem war - von zwei Seiten: Auf der einen bestechen Unternehmen Beamte. Auf der anderen aber geht Korruption direkt vom Kreml aus - als Machtinstrument. Heute steht Russland in den Korruptionsindizes von Weltbank und Transparency International etwa auf der Stufe von Togo. Parallel zum konsequenten Aushöhlen der Demokratie hat Putin so ein System geschaffen, in dem loyale Wirtschaftsbosse, hohe Beamte und Politiker - oft in Personalunion - ein seltsames Mittelding aus Emerging Market, Staatskapitalismus und Sowjetsystem kontrollieren.

Oligarchen in politischen Ämtern aktiv
Viele der Oligarchen bekleiden nebenbei politische Ämter, und staatsnahe Unternehmen dienen oft als Zwischenlager für loyale Beamte und Mitstreiter - so war der neue, Putin-treue Präsident Medwedew seit 2003 Aufsichtsratschef der Gazprom. Er wird das System Putin, das ihn an die Macht gebracht hat, im Schatten des Expräsidenten wohl weiterführen.

Ausländische Investitionen haben Potential
Ausländische Investitionen sind in Russland noch recht spärlich und haben Potenzial: Obwohl sie sich letztes Jahr auf 27,8 Milliarden Dollar verdoppelt haben, machen sie derzeit nur 2,2 Prozent des BIP aus - und nur die Hälfte davon kommt wirklich aus dem Ausland (die größten Auslandsinvestoren in Russland sind, auf dem Umweg über Steueroasen, die russischen Oligarchen selbst, schreibt der "Economist"). Potenzial für mehr wäre da - 86 Prozent der Investoren zeigten sich in einer Studie "sehr zufrieden" mit dem Investitionsklima.

Die ganze Geschichte lesen Sie nach im FORMAT 17/2008!

25.4.2008 14:54