Peking kündigt Dialog mit Dalai Lama an:
Westliche Welt erleichtert über Kehrtwende
- Tibetische Exil-Regierung bleibt weiterhin skeptisch
- Interpol warnt vor Anschlag bei Sommer-Olympiade

·China: Seit '02 sechs Dialogrunden mit Tibet
Bisher keine greifbaren Fortschritte erreicht
·EU startet Dialog mit chinesischer Führung
Treffen von Barroso und Wen Jiabao in Peking
·Athen: Störfeuer bei
Olympia-Fackellauf
Proteste gegen die Politik des Gastgebers. BILDER!
·Westliche Medien: Berichte mangelhaft
Berichterstattung war teilweise nicht korrekt
Unter internationalem Druck hat China eine überraschende Kehrtwende im Tibet-Konflikt vollzogen. Gut drei Monate vor Beginn der Olympischen Spiele kündigte die Regierung Gespräche mit einem Vertreter des tibetischen Oberhaupts Dalai Lama an. Westliche Staaten zeigten sich erleichtert über den Schritt. Die harte Haltung Chinas hatte Forderungen nach einem Olympia-Boykott ausgelöst und drohte nach den pro-tibetischen Protesten am Rande des Fackellaufs die Atmosphäre der Spiele zu vergiften.
China werde in den kommenden Tagen Kontakt mit dem privaten Repräsentanten des Dalai Lama aufnehmen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten Regierungsvertreter. Ziel der Beratungen sei es, die Bedingungen für einen Dialog zu schaffen. Der Vertreter nannte drei Forderungen an "die Seite des Dalai", die sie jüngst immer als die "Dalai-Clique" beschimpft hatte: Sie müsse die Aktivitäten zu einer Spaltung Chinas beenden, dürfe nicht mehr zur Gewalt anstiften und solle damit aufhören, "die Olympischen Spiele in Peking zu stören und zu sabotieren".
Die tibetische Exil-Regierung im indischen Dharamsala bewertete das Angebot skeptisch. "Die Tatsache, dass die Chinesen nun erklären, dass sie uns treffen wollen, reicht nicht", sagte Tenzin Taklha, Privatsekretär des Dalai Lama, der "Süddeutschen Zeitung. Solange die Regierung in Peking ihre Vorwürfe gegen das Oberhaupt aufrecht erhalte, sei es schwierig, miteinander zu verhandeln. "Wir müssen die Probleme auch ansprechen, alles andere wird uns nicht weiterhelfen", sagte Taklha.
"Kultureller Genozid"
Der Dalai Lama hat die chinesische Kritik wiederholt zurückgewiesen und seine Anhänger zu friedlichen Protesten ermahnt. Der 72-jährige Friedensnobelpreisträger fordert mehr Autonomie für die Himalaya-Region, in der China nach seinen Worten einen "kulturellen Genozid" verübt. Die Tibeter fühlen sich von Han-Chinesen benachteiligt, die das abgelegene Gebiet seit 1950 wirtschaftlich und politisch dominieren. Bei der Niederschlagung der Proteste im März kamen nach Angaben von Exil-Tibetern mehr als 130 Menschen ums Leben, die Regierung nennt eine deutlich niedrigere Zahl.
Die EU betrachtete die Entscheidung als diplomatischen Erfolg. China habe den Schritt während des Gipfeltreffens mit der EU angekündigt, erklärte die slowenische Ratspräsidentschaft. Zudem habe Ministerpräsident Wen Jiabao seine Bereitschaft zu Gesprächen bereits in einem Brief in der vergangenen Woche übermittelt, hieß es in der Stellungnahme weiter.
"Bedeutender Schritt"
Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner sagten in Peking, China habe die Lage in Tibet selbst angesprochen. "Meines Wissens nach sind die Chinesen bereit, über alles zu reden - außer über eine Unabhängigkeit Tibets", fügte Barroso hinzu. Die Dialogankündigung Pekings bezeichnete er als "sehr bedeutenden Schritt". Das EU-Parlament hatte zu einem Boykott der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele aufgefordert, wenn China einen Dialog mit den Tibetern weiter verweigert.
Neben den USA, Frankreich und Deutschland begrüßte auch die österreichische Regierung die chinesische Initiative."Die Rückkehr zum Dialog ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung", betonte Sportsstaatssekretär Reinhold Lopatka in einer Aussendung. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprach von einem "großen Schritt". Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, äußerte die Hoffnung auf einen "fruchtbaren Dialog" zwischen Peking und den Tibetern.
Interpol warnt vor Anschlag
Die Internationale Polizeibehörde Interpol warnte unterdessen vor einem möglichen Terroranschlag des islamistischen Netzwerks Al-Kaida und gewalttätigen Tibet-Protesten während der Olympischen Sommerspiele in Peking. Ein Anschlag sei "eine reale Möglichkeit", sagte Interpol-Generalsekretär Ronald Noble in Peking bei einer Konferenz über die Kooperation im Sicherheitsbereich. Die Olympische Fackel traf mittlerweile unter starken Sicherheitsvorkehrungen und von Protesten begleitet von Australien kommend in Japan ein. (apa/red)
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