Freitag, 25. April 2008

177 Millionen Euro fehlen: UNO bittet um
Hilfe im Kampf gegen weltweite Hungerkrise

  • Appell an Gemeinschaft: Versorgung der Armen leidet
  • Dramatische Lage: "Das neue Gesicht des Hungers"
    Angst vor Hamsterkäufen: US-Kette rationiert Reis

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat die internationale Gemeinschaft um Soforthilfen im Kampf gegen die Hungerkrise gebeten. Wenn die internationale Gemeinschaft in den kommenden Wochen nicht 280 Millionen Dollar (177 Millionen Euro) bereitstelle, müsse die Versorgung der Bedürftigen eingeschränkt werden, sagte WFP-Exekutivdirektorin Josette Sheeran. Die Preise für Grundnahrungsmittel explodieren. In Thailand kostete eine Tonne Reis erstmals mehr als 1.000 Dollar. Um Hamsterkäufen vorzubeugen, hat die US-Supermarktkette Wal-Mart Reis rationiert.

Wegen der Erhöhung der Lebensmittelpreise hatte das WFP die Geberstaaten um eine zusätzliche Finanzierung von 755 Millionen Dollar gebeten. Davon seien bisher aber nur 63 Prozent eingegangen. Allein die Preissteigerung um durchschnittlich 40 Prozent verursache Kosten von 280 Millionen Dollar (176 Millionen Euro), sagte Sheeran in Rom während einer Videokonferenz mit Journalisten am Sitz der Vereinten Nationen in New York. Aufgrund der akuten Lebensmittelkrise sei das WFP aber auf zusätzliche Mittel der internationalen Gemeinschaft angewiesen.

"Neues Gesicht des Hungers"
Das WFP versorgt jährlich etwa 80 bis 90 Millionen Flüchtlinge und Opfer von Naturkatastrophen. Es hilft unter anderem in der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur und in Afghanistan. Die dramatische Versorgungslager in Ländern wie Haiti habe nun eine neue Situation geschaffen, sagte Sheeran und fügte hinzu: "Ich habe dies das neue Gesicht des Hungers genannt." So seien jetzt Millionen von Menschen auf Hilfen angewiesen, die noch vor sechs Monaten nicht als dringend hilfsbedürftig eingestuft worden seien.

Frage der Stabilität
Bei einer Reise durch Kenia habe sie Bauern besucht, die nur ein Drittel der Ernte des vergangenen Jahres erwarteten, sagte Sheeran. Als Grund nannte sie die gestiegenen Preise für Saatgut und Düngemittel. "Wir sind auch deswegen sehr besorgt, weil dies nicht nur eine Frage des Hungers, sondern auch der Stabilität ist. In den jüngsten Monaten haben wir mehr als 34 Länder mit Protesten und Nahrungsmittelunruhen gesehen."

Japan stellt 100 Millionen Dollar
Japan stellt wegen der weltweiten Preisexplosion bei Lebensmitteln Auslandshilfen von rund 100 Millionen Dollar (63,4 Mio. Euro) zur Verfügung. Die Hälfte davon solle im Mai als Reaktion auf einen Hilferuf des Welternährungsprogramms nach Afrika geschickt werden, sagte Kabinettsminister Nobutaka Machimura. Der Rest solle im Laufe der kommenden drei Monate bereitgestellt werden.

Darüber hinaus seien Maßnahmen wie eine mittel- und langfristige Erhöhung der Lebensmittelproduktion sowie Verbesserungen bei der Produktivität der Landwirtschaft nötig. Auch Handelsfragen und das Thema Klimawandel spielten in diese Frage hinein, sagte Machimura. Japan hat angekündigt, den Anstieg der Lebensmittelpreise auch beim G-8-Gipfel im Juli zu thematisieren.

Wal-Mart rationiert Reis
Die Krise mit den Lebensmittelpreise hat einen neuen Höhepunkt erreicht: In Thailand kostete eine Tonne Reis erstmals mehr als 1.000 Dollar. Damit hat sich der Preis für das lebenswichtige Grundnahrungsmittel im größten Reisexportland seit Jahresbeginn fast verdreifacht. Auch an der weltgrößten Warentermin-Börse in Chicago kletterte der Reispreis auf ein Rekordhoch. Um Hamsterkäufen vorzubeugen, begann der führende US-Einzelhändler Wal-Mart mit der Rationierung von Reis. In Deutschland planen Supermarkt-Kette keine Schritte dieser Art.

Die rasant steigenden Lebensmittelpreise haben von Asien über Afrika bis in die Karibik bereits zu gewaltsamen Protesten geführt. In Haiti stürzte die Regierung im Zuge der politischen Unruhen. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht, weil sich an den Gründen für die Preisexplosion vorerst nicht viel ändern dürfte. Dazu zählen die wachsende Weltbevölkerung, der Anstieg der Lebensqualität in Schwellenländern wie China, der Trend in Industrieländern hin zu Bio-Sprit und Ernteausfälle in wichtigen Exportländern wie Australien im Zuge immer stärkerer Wetterschwankungen. Hinzu kommen außerdem Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln durch Hedge-Fonds und andere Investoren.

Ban Ki-moon besorgt
UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat sich besorgt über die stark steigenden Lebensmittelpreise gezeigt. Die Preissteigerungen hätten sich zu einer "globalen Krise" entwickelt, erklärte Ban. "Wir müssen umgehend Maßnahmen ergreifen."

Die Entwicklungen auf den Lebensmittelmärkten weltweit haben nach den Worten des UNO-Generalsekretärs dazu geführt, dass 100 Millionen Menschen zusätzlich in eine Krise getrieben wurden. Zunächst müsse die humanitäre Seite der Krise angegangen werden, die sich auf die Ärmsten der Armen auswirke. Ban rief in diesem Zusammenhang den Internationalen Währungsfonds (IMF) und die Weltbank dazu auf, das Problem zu diskutieren.

(apa/red)

25.4.2008 13:25