Donnerstag, 5. März 2009

Gefangene Kinder oft mit massiven Schäden: "Einfügen in Gesellschaft schwer möglich"

  • "Emotionale Behinderungen" und körperliche Defizite
  • Eingeschränkte Lebenswelt hemmt die Entwicklung

Wenn Kinder lange Zeit eingesperrt werden, hat das massive Folgen für ihre körperliche und geistige Gesundheit. Neben "emotionalen Behinderungen" im Umgang mit anderen Menschen, werden auch die körperlichen Funktionen schlechter entwickelt, erklärte Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner. Generell gelte: "Je früher ein Kind eingesperrt ist, desto mehr werden die Fähigkeiten eingeschränkt".

"Man muss damit rechnen, dass da massive Schäden da sind", meinte Perner zu dem schockierenden Kriminalfall in Amstetten. "Das Gehirn entwickelt sich nicht. Ausgereift ist es normalerweise mit 14 Jahren." Betroffen seien vor allem das Sehen, Hören und Sprechen, aber auch soziale Fähigkeiten. Defizite in der Sprache oder im Umgang mit anderen Menschen, könne man eher ausgleichen als körperliche Schwächen. "Man kann durch Medikamente das Gehirn anregen, sich weiterzuentwickeln", erklärte die Psychoanalytikerin. Vergleichbar seien die Opfer von langen Gefangenschaften diesbezüglich mit Schlaganfalls-Patienten, die Fähigkeiten wie räumliches Sehen wieder trainieren müssten.

Neben der eingeschränkten Erfahrungswelt, die das Erlernen von Fähigkeiten verhindert, hat auch das Fernhalten von anderen Menschen massive Auswirkungen: Wie der "Alf aus dem All" könnten Menschen, die abgeschottet aufwachsen, sich außerhalb aller Kommunikations-Schemata bewegen und keine Werte haben, erklärte Perner. "Man kann davon ausgehen, dass das Einfügen in die menschliche Gesellschaft nur schwer möglich ist." Denkbar seien unter anderem Probleme sich in Gruppe einzufügen.

"Hirn braucht geistige Nahrung"
"Jeder Mensch braucht Zuwendung, ein Hirn braucht geistige Nahrung", fasste Perner die Ansprüche von Kindern in ihrer Entwicklung zusammen. "Wenn ich nicht laufen und springen kann, entwickelt sich die Muskulatur nicht." Hinzukomme, dass bei Menschen, die Gewalt erleben, durch Stresshormone die Entwicklung bestimmter Gehirnbereiche behindert werden könne. Mögliche Folgen: "Bestimmte Töne können nicht mehr gehört werden", erklärte die Psychoanalytikerin. "Das Auge kann dann nicht mehr adaptieren und sich auf weiter entfernte Gegenstände einstellen."

Den Sprachgebrauch lerne man schon durch den Kontakt mit nur einem Menschen, ohne einen Ansprechpartner bleibe es bei tierähnlichen Lauten, sagte Perner. Gesehen habe man dies beispielsweise am Fall Natascha Kampusch, Schäden in diese Richtung hätten durch Radio, TV und eine Bezugsperson hintangehalten werden können.

Mühsames Nachholen
"Man kann damit rechnen, das diese Kinder in den nächsten Woche untersucht werden", so Perner. "Sehr viel wird nachtrainiert werden können." Dies sei allerdings ein mühsames Nachholen, die Sehfähigkeit könnte möglicherweise - so Beispiele anderer Fälle - nie einem normal aufgewachsenen Kind entsprechen.

Eine wichtige Rolle spiele natürlich die Mutter, mit der die Kinder eingesperrt worden waren. Möglicherweise habe diese Defizite kompensieren können. Denn theoretisch sei es möglich, dass eine Bezugspersonen auch in einem Verlies den Kindern alles notwendige angedeihen habe lasse. Diesbezüglich gebe es zahlreiche Beispiele aus Kriegsgefangenschaften. Anders sehe es natürlich aus, wenn die Mutter depressiv-apathisch vor sich hingelebt habe.
(apa/red)

5.3.2009 12:28