Trotz Arbeit fast kein Geld: Jeder fünfte Deutsche muss mit Niedriglohn auskommen
- Anteil der Geringverdiener steht bereits bei 22 %
- 'Befunde für Bundesrepublik sind Besorgnis erregend'
·Union weiter gegen
deutschen Mindestlohn
EU-Industriekommissar Verheugen ist aber dafür
·Kritische Lage für ausländische Arbeiter
Großteil ist im Niedrig- lohnsektor beschäftigt
Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten in Billigjobs. Bereits mehr als jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland war 2006 Geringverdiener, wie aus einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen hervorgeht. Der Niedriglohnanteil stieg von 1995 bis 2006 um gut 43 Prozent auf rund 6,5 Mio. Beschäftigte. Deutschland hat demnach im Vergleich zu Dänemark, Frankreich und den Niederlanden den höchsten Anteil von Billigjobbern unter den Beschäftigten. Damit nähert sich die deutsche Bundesrepublik den USA stark an, wo etwa ein Viertel der Beschäftigten Geringverdiener sind.
Der durchschnittliche Stundenlohn der Billigjobber lag 2006 bei 6,89 Euro im Westen und 4,86 Euro im Osten. Nach einem leichten Anstieg seit 1995 ging der Stundenlohn seit 2004 wieder zurück: Im Westen sank der durchschnittliche Bruttolohn pro Stunde zwischen 2005 bis 2006 um 27 Euro-Cent, im Osten um 52 Cent. Laut der Studie deutet dies darauf hin, dass der Zuwachs an Billigjobs mit einem immer stärker nach unten ausfransenden Lohnspektrum in Deutschland einhergeht.
Nicht nur gering Qualifizierte
Die Autoren der Studie, Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf, verweisen darauf, dass längst nicht mehr nur gering qualifizierte Menschen Billigjobs haben. So sei der Anteil der Beschäftigten mit einer abgeschlossenen Ausbildung von 58,6 Prozent 1995 auf 67,5 Prozent 2006 gestiegen. Rund drei Viertel aller Geringverdiener hätten eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen akademischen Abschluss. Dies sei umso gravierender, weil die Chancen, aus dem Billigjob in eine besserbezahlte Beschäftigung zu kommen, hierzulande besonders gering seien. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern seien die Aufstiegschancen aus Niedriglohn-Stellen nur in Großbritannien ähnlich gering.
"Der Niedriglohnsektor ist in Unordnung geraten", warnen die Autoren. Vielfach wirke sich der Zuwachs bei den Geringverdienern auch auf die übrigen Arbeitsplätze aus. Denn angesichts billigerer Minijobber oder Zeitarbeitskräfte müssten Gewerkschaften und Betriebsräte häufig der Streichung von Zuschlägen, längeren Arbeitszeiten oder Lohnkürzungen zustimmen, um Arbeitsplätze im Betrieb zu halten.
Nach einer dänischen Studie beläuft sich die Geringverdienerquote in Dänemark auf nur 8,5 Prozent und ist damit die niedrigste der fünf miteinander verglichenen europäischen Länder. Anders als in Deutschland bleiben dänische Geringverdiener auch nicht lange im Niedriglohnsektor, sondern steigen schnell in besser bezahlte Beschäftigungen auf. In Frankreich sorgt nach einer französischen Studie vor allem der Staat dafür, dass der Niedriglohnsektor vergleichsweise klein bleibt - unter anderem mit hohen Mindestlöhnen und starkem Arbeitnehmerschutz.
"Alarmsignal" und "Armutszeugnis"
Als "eindeutiges Alarmsignal" und "Armutszeugnis" bezeichnete Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund, die deutschen Zahlen. Die deutsche Bundesregierung dürfe dieser "fatalen Entwicklung nicht tatenlos zusehen, denn hier braucht sich sozialer Sprengstoff zusammen, der auch die Mitte der Gesellschaft erreicht hat", warnte sie. Dies gelte auch für die Alterssicherung, denn "Billiglöhne von heute erzeugen die Altersarmut von morgen." Deshalb müsse jetzt umgesteuert werden, "und das heißt Mindestlöhne auf breiter Front".
"Kein Argument für Mindestlohn"
Peter Clever von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sieht in der Zahl der Niedrigverdiener in Deutschland dagegen "kein Argument für Mindestlohn". Die Berichte erweckten den Anschein, "als würde nun Armut in Deutschland grassieren", sagte Clever dem Fernsehsender N24. Dem sei aber nicht so, denn niedrige Löhne bedeuteten "noch lange nicht, in einer armen Familie zu leben". Dies sei aber der Fall bei 17 Prozent der Geringverdiener, besonders hoch sei das Risiko bei Alleinerziehenden und Migranten: "Hier muss angesetzt werden."
(APA/red)

