Freitag, 18. April 2008

Weltweiter Erfolg der jüngeren Schwester: Jeannette Meinl setzt auf das Kaffeegeschäft

  • FORMAT: Meinls Expansionsdrang nach Russland
  • Trotz MEL-Krise wächst die Kaffee-Sparte weltweit

Im neuen Kaffeehaus auf der Mjasnitskaja Ulitsa in der Moskauer Innenstadt drängeln sich Lokalpolitiker, Prominente und Kameraleute. Sogar Bürgermeister Juri Luschkow hat sich angesagt. Grund für den Societyauflauf: Der österreichische Kaffeeröster Meinl eröffnet sein erstes russisches Kaffeehaus. Und so kommt es, dass sich die gesamte Moskauer Schickeria zwischen mit Blattgold verzierten Wänden und italienischen Marmortischen zu Kaviarkanapees, Kaiserschmarren und Meinl-Espresso einfindet.

Die Affäre um die Finanzgeschäfte des Meinl-Clanchefs Julius V. und der von ihm initiierten Gesellschaften MEL, MAI und MIP sorgt seit Monaten für Aufruhr in Österreich. Sowohl im Moskauer Meinl-Kaffeehaus, das am 3. April eröffnet wurde, als auch in den heimischen Supermärkten ist von dieser Krise allerdings nichts zu merken: Die Industriesparte der Meinls, die zu neunzig Prozent aus dem Kaffeegeschäft besteht, läuft prächtig - wenn auch weit weniger schillernd als das Geschäft mit Immobilien und Flughäfen. Hinter diesem "anderen" Meinl steht nicht Julius V. selbst, sondern seine jüngere Schwester Jeannette Skrbensky-Meinl. Und die 45-Jährige, die derzeit den Kaffeeeinkauf leitet, hat viel vor. "Wir werden Meinl in den nächsten Jahren zu einer Weltmarke machen", sagt Jeannette Meinl in einem ihrer seltenen Interviews.

Wachstum trotz Krise bei der MEL
Im vergangenen Jahr wuchs die Meinl-Industriesparte, die über eine Holding der Familie gehört, um gut 14 Prozent auf 103 Millionen Euro Umsatz. In Österreich wird derzeit kräftig in das Image investiert, und neue Produkte kommen demnächst auf den Markt. Doch vor allem international soll das 1862 gegründete Kaffeeunternehmen kräftig zulegen. Noch heuer werden neben Moskau weitere Kaffeehäuser eröffnet. In Ländern wie Pakistan und dem Iran steigt Meinl derzeit gerade ein. "Bis 2012 wollen wir 250 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften, drei Viertel davon im Ausland", präzisiert Marcel Löffler, Vorstand der Meinl-Industriesparte. Seine Strategie: "Wir verstehen uns als Botschafter der Wiener Kaffeehauskultur und liefern die Atmosphäre gleich mit."

Konkret funktioniert das so: In Russland etwa, Meinls größtem Hoffnungsmarkt, wächst der Kaffeekonsum um fünfzig Prozent jährlich, wenn auch von niedrigem Niveau aus. Seit einem Jahr hat Meinl dort eine Vertriebsgesellschaft und ist besonders stolz, vor Weihnachten zum Exklusivlieferanten des Kremls erkoren worden zu sein. Meinl-Kaffee ist dort ein Luxusartikel, der in Nobelrestaurants und Moskauer Gourmettempeln feilgeboten wird - teurer als der italienische Konkurrent Illy. Die lokalen Meinl-Manager sind besonders erpicht darauf, den Wirten die Geheimnisse der Wiener Melange mit einem Glas Wasser beizubringen, um sich auch von Illy, Segafredo und Co abzuheben. "Wir sind derzeit in den Top-Lokalen vertreten", verrät der russische Vertriebschef Matwei Hutman. "Später bemühen wir uns dann um mittelteure Restaurants und den Einzelhandel."

Das Konzept soll demnächst auch in ferneren Märkten wie den Golfstaaten, Kasachstan, Iran und China funktionieren. Dort arbeiten die Wiener Röster nämlich am Markteinstieg. In Dubai etwa wurde vor ein paar Monaten ein großer Liefervertrag unterschrieben. Auch neue Kaffeehäuser sollen 2008 eröffnet werden, etwa in Dubai und Kairo, aber auch in Moskau könnte ein weiterer Standort - im Kreml - dazukommen. "Bis auf den Irak, der uns dann doch zu heiß ist, sind alle Länder östlich von Wien interessant", sagt Meinl-Exportchef Anton Greiler.

Mehr zur Geld und Wirtschaft lesen Sie im aktuellen FORMAT 16/2008.

18.4.2008 19:35