Donnerstag, 17. April 2008

Tore, Emotionen und Polizeistiefel: Fußball
in Athen - Der ganz normale Wahnsinn!

  • news.at-Reportage: Auf den Spuren von Ivanschitz
  • Ein Lokalaugenschein in der Hauptstadt Griechenlands

Die Straße ist abgesperrt. Motorräder schlängeln sich auf den Gehsteigen durch Passanten. Dressen, Fahnen, Schals baumeln im Wind. Rhythmisch und monoton hallt der Klang von Polizeistiefeln durch die Häuserschluchten. Untermalt von leise schwellendem Verkehrslärm aus der Ferne. Es ist Fußball-Abend in Athen. In Griechenland der ganz normale Wahnsinn.

Panathinaikos spielt gegen Aris Saloniki. Die Fans sind sauer. An die 30.000 demonstrierten bei einem Protestmarsch friedlich gegen die Vereinsführung. Die Unzufriedenheit mit der Klubleitung, dem Präsidenten und dem Trainer trieb sie auf die Barrikaden. Die Meisterschaft ist beinahe beendet und eigentlich auch entschieden. Panathinaikos hat einmal mehr den Titel verspielt. Was fast noch schlimmer ist. Der Meister wird Olympiakos heißen. Schon wieder. Ausgerechnet der Erzfeind.

Polizei-Präsenz
Wer zum Stadion will, wird schon Meter vorher kontrolliert. Ausnahmslos. Von Männern in stramm sitzenden Uniformen, die Schutzschilder mit den Schriftzügen "Police" am Boden in einer Reihe aufgestellt. Es riecht wie am Campingplatz. Rauchschwaden steigen auf. Auf mobilen Alu-Grill-Wägen werden bei offenem Feuer Würstel und Hot Dogs zubereitet. Am Boden liegen zusammengetretene Essensreste.

Kontrollieren, mustern, Präsenz zeigen. Für die Polizisten ist es Alltag. Griechische Fußball-Fans sind emotional, zum Teil fanatisch und nicht selten gewaltbereit. Euphorisch oder zu Tode betrübt - es gibt keine goldene Mitte. Auch an diesem Spieltag gibt es wieder schwere Ausschreitungen, mit Verletzten und erheblichem Sachschaden. Dieses Mal waren es PAOK-Ultras, die nach der Niederlage ihrer Mannschaft gegen AEK gewütet hatten. In der Vergangenheit kam es bei Zwischenfällen rivalisierender Gruppen auch zu Todesfällen. Klubs und Offizielle haben darauf reagiert. Bestimmten Anhängerschaften sind Fahrten zu Auswärtsspielen jetzt untersagt.

Nur wenige bewegen sich an diesem Abend an der alten Stadion-Fassade mit den lose montierten elektrischen Leitungen, den verwitterten Fensterrahmen, dem mit Graffiti besprühten Verputz und einer uralten, verrosteten Wendeltreppe vorbei. Es ist eng. Dicht angrenzende Häuser bilden mit einer Mauer des Apostolos Nikolaidis einen schmalen Korridor. Die Stahldrehkreuze an den Einlässen rotieren. Einer nach dem anderen zwängt sich durch die beklemmenden Eingänge. Männer, Frauen. Alt und jung. Arme werden ausgestreckt, Taschen durchsucht, Körper abgetastet. Alles war gefährlich ist oder als solches erscheint wird abgenommen. Es verschwindet auf Nimmerwiedersehen in den Händen eines Ordners.

Rot-weiß-roter Brückenschlag
Panathinaikos ist ein Verein mit einer langen und großen Tradition. Ein Klub, der auch eine Verbindung nach Österreich hat. Im Sommer 2006 verpflichtete der 19-fache griechische Meister Andreas Ivanschitz. Auf Leihbasis von Red Bull Salzburg. "Ich glaube, ich habe mich in den zwei Jahren stark weiterentwickelt. Nicht nur fußballerisch, auch persönlich. Das ist sehr wichtig gewesen", resümiert der Mittelfeldmann.

Wir treffen den ÖFB-Team-Kapitän im Rahmen eines Meet & Greet am Stadtrand von Athen in einem schmucken Restaurant am Meer. Das griechische Lebensgefühl scheint abzufärben. Ivanschitz ist locker, leger und gesellig. Zwischen Palmen und dem Rauschen der Wellen plaudert das Aushängeschild des österreichischen Fußballs über das Leben am Peloponnes, die Familie, fremde Kulturen sowie Mentalitäten.

Gegen den Verein
Es ist der Tag nach dem Spiel gegen Aris. "Die Stimmung im Stadion war sehr negativ. Nicht gegen uns Spieler, aber gegen den Verein." Panathinaikos gewann mit 1:0. Die Fans sind dennoch enttäuscht.

Wer im Stadion die Sicherheitskontrollen übersteht, gelangt über ein paar Stufen ins Innere. Die Ränge sind nur zur Hälfte gefüllt. Laufend nehmen Menschen auf den schmutzigen und im Beton verschraubten Plastiksitzen platz. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. In den vordersten Reihen hat sich die Security niedergelassen. Männer mit breiten Schultern, mächtigen Nacken und dicken Oberarmen. Auf Dächern und Balkonen der umliegenden Appartements schielen Kiebitze ins runde Oval.

Das Match ist schwach. Ivanschitz wird in der 60. Minute beim Stand von 0:0 eingewechselt. Es ist nicht der beste Tag des 24-Jährigen. Karagounis erzielt mit einem Weitschuss das einzige Tor. Ivanschitz bleibt blass.

Offene Zukunft
Ob der Österreicher auch nächste Saison im grünen Dress zu sehen ist, steht derzeit noch in den Sternen. Der Burgenländer betont einmal mehr, einem längeren Engagement in Athen nicht abgeneigt zu sein. "Es passt sportlich und privat". Verhandlungen laufen. Eine Rückkehr nach Salzburg scheint ausgeschlossen. "Ich möchte im Ausland bleiben". Nach dem Holland-Spiel gab es Interesse und erste Anfragen aus England und Deutschland, nun heißt es abwarten.

Ivanschitz läuft gegen Aris im Apostolos Nikolaidis Stadion über das Feld. Die Nummer 27 am Rücken. Die Atmosphäre ist aufgeladen. Es wird geschimpft und wild gestikuliert. Ein älterer Herr mit ergrautem Haar erhebt sich immer wieder von seinem Sitz. Die Hand ausgestreckt, den Zeigefinger nach vorne gerichtet. Sein Zorn gilt dem Trainer. Der steht am Rasen nur wenige Meter von den Anhängern entfernt an der Outlinie. Zum greifen nahe.

Das Ende des Spiels erleben viele nicht mehr. Die Polizei marschiert auf. In voller Montur, mit Kampfausrüstung. Sie schützt den Betreuerstab vor aufgebrachten Zuschauern. Ein Teil der Haupttribüne wird geräumt - ohne Gewalt, aber mit Nachdruck. Es ertönt der Schlusspfiff. Die Sitzreihen leeren sich schnell. Zurück bleiben aufgebrochene Kürbiskernschalen, Zeitungen und die Ordnungshüter. Der ganz normale Wahnsinn ist vorbei. Bis zur nächsten Woche.

Gernot Ebner aus Athen

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17.4.2008 17:11