Freitag, 18. April 2008

Biosprit vs. Nahrungsmittel: Grünen-Kritik an "Interessenspolitik" von Minister Pröll

  • Agrotreibstoffe vor allem für Traktoren verwenden
  • Enquete: Einfacher Ersatz für Benzin "fragwürdig"

Die Grünen werfen Landwirtschafts- und Umweltminister Josef Pröll vor, beim Biosprit "Interessenspolitik der Agrarindustrielobby" zu betreiben. Sie kritisieren, dass Pröll an den über den EU-Vorgaben liegenden Beimischungsgraden festhalte, obwohl die Produktionsflächen in Europa fehlen würden, die Ökobilanz schlecht sei und Lebensmittel knapp würden. Wie berichtet plant die EU bis 2020 einen Beimischungsgrad von 10 Prozent, während Pröll diesen bereits 2010 erreichen will.

"Agrotreibstoffe werden in der Regel mittels hohem chemisch-synthetischem Düngemittel- und Pestizideinsatz sowie in manchen Bereichen bereits mit Gentechnik aus Lebensmittel- und Futterpflanzen hergestellt. Nur ein Teil dieser Pflanzen kann verwertet werden", so die Grünen bei ihrer Parlamentsenquete "Bio-Treibstoffe - Bedrohung oder Segen". Demnach müsste Österreich zur Erreichung der einer 20-prozentigen Beimischung, wie sie im Biomasseplan vorgesehen sei, die Hälfte der Ackerfläche für den Agrosprit verwenden. Die Grünen schlagen vor, die Agrotreibstoffe künftig in erster Linie in der Landwirtschaft einzusetzen, etwa als Treibstoff für Traktoren.

Ökologischer Fußabdruck nur ein wenig besser
"Die derzeitige Diskussion über Biotreibstoffe zeigt, dass ein einfacher Einsatz fossiler Rohstoffe durch nachwachsende Ressourcen wirtschaftlich fragwürdig, sozial gefährlich und ökologisch wenig sinnvoll", erklärte Prof. Michael Narodoslawsky von der TU Graz. Demnach sei der ökologische Fußabdruck konventioneller Biotreibstoffe nur geringfügig besser als der von Benzin und Diesel. Biotreibstoffe der kommenden Generation würden dieses Verhältnis aber verbessern, so der Professor.

Die Agrarökonomin Gertrude Klaffenböck von der Nichtregierungsorganisation FIAN, verwies darauf, dass es in manchen Gegenden der Welt riesige Palmöl-Monoplantagen gebe, wofür Urwälder gerodet und Menschen vertrieben wurden. In Paraguay sei ein Drittel des Anbaugebietes für Biotreibstoff-Planzen durch die Vertreibung der Kleinbauern entstanden sein. "Die Verletzung des Rechts auf Nahrung ist kein Kavaliersdelikt. Sie ist ein direkter Angriff auf die Würde von Menschen", so Klaffenböck. Demnach würde die EU-Biotreibstoffpolitik 60 bis 100 Millionen Menschen dem Hunger aussetzen. Weiters verwies sie auf die arbeitsrechtlichen Folgen der verstärkten Energieplanzenproduktion. So würden die Menschen im Zuckerrohranbau in sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten.

Hermann Schultes, Vorsitzender des Energieausschusses in der Landwirtschaftskammer, verwies bei der Enquete darauf, dass lediglich 4,5 Prozent der weltweiten Getreideernte für Agrotreibstoffe verwendet würden. Weiters könnten durch die Verwendung heimischer Getreideschlempe und Raps gewaltige Mengen an Futtermittelpflanzen einsparen, da sich die Nebenprodukte der Biospriterzeugung für Futtermittel eignen. Zur Diskussion, ob Biotreibstoffe die Nahrungsmittel treiben, betonte Schultes, dass auf Grund rückläufiger Agrarpreise in den vergangenen Jahren die Produktionsflächen weltweit reduziert wurden. Attraktive Preise würden also für eine höhere Versorgungssicherheit sorgen. "Tank und Teller sind möglich", sagte Schultes.

Spritpreise steigen
Der vermehrte Einsatz von Biosprit mache nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch den Sprit selber teurer, gab Prof. Markus Hofreither von der Universität für Bodenkultur (Boku) zu bedenken. Ein besonderer Nachteil von Biodiesel und Bioethanol sei, dass die Produktion "in unmittelbarer Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion", sagte Hofreither. "Jede Ausweitung dieser Produktionslinien als Folge steigender Rohölpreise führt tendenziell zu Preissteigerungen bei Agrarprodukten, die nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch die biogener Treibstoffe weiter verteuern", so Hofreither.

Weiters erinnerte er an die Exportabhängigkeit bei Agrotreibstoffen. "Zur Erreichung der ambitionierten Ziele des österreichischen Biomasse-Aktionsplan müssen bis zu 90 Prozent der erforderlichen Biomasse importiert werden", erklärte der Boku-Professor. Wie schon die Vorredner bei der Enquete betonte er, dass das Ziel sein muss, rasch in die nächste Generation der Biotreibstoffe einzusteigen. Diese müsse sicherstellen, dass für die Agrospritproduktion kaum zusätzliche Ackerflächen verbraucht werden.

Der Wissenschafter Wilfried Winiwarter zeichnete ein düsteres Bild für den Einsatz von Agrotreibstoffen. "Unter Bedingungen üblicher landwirtschaftlicher Praxis macht allein die Freisetzung von Lachgas aus landwirtschaftlichen Böden die Einsparung an fossilen CO2 zunichte", sagte er. Lachgas sei als Treibhausgas 300-mal so wirksam wie CO2.

(apa/red)

18.4.2008 11:30