Der Stiefel macht kehrt: Berlusconis neue
alte Außenpolitik sorgt die Linke Italiens
- "Stülpt ganz schnell für George Bush den Helm auf"
- Neo-Ministerpräsident will als Chefdiplomat wirken

·Lega Nord verlangt größere Änderungen
Bossi stellt Forderungen an Silvio Berlusconi
·Die Fettnäpfchen
des Silvio Berlusconi
Mailänder Medienmogul
hat nichts ausgelassen
·"Bin größer als
Putin und Sarkozy"
Berlusconi beschwert
sich über Karikaturisten
·Sie werden staunen, wer hier grapscht!
Erwischt: Politiker in ihren
peinlichsten Momenten
Silvio Berlusconi ist noch nicht im Amt, krempelt aber bereits die italienische Außenpolitik wieder um. Nach zwei Jahren in der Opposition und noch Wochen vor seinem Einzug in den römischen Palazzo Chigi des Regierungschefs setzt der 71-Jährige aus dem Norden Italiens erste Akzente. Er baut alte Achsen wieder auf und knüpft schon neue Seilschaften. "Silvio Berlusconi stülpt ganz schnell für US-Präsident George W. Bush den Helm auf", sorgte sich die linke Zeitung "L'Unità" über den absehbaren Kurswechsel in der Außenpolitik des Landes. Der künftige Ministerpräsident möchte dabei - nach dem Vorbild des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy - vor allem als der Chefdiplomat seines G8-Mitgliedslandes wirken.
Auf der persönlichen Schiene geht das so (und es geht zunächst einmal vorrangig auch um wirtschaftliche Interessen): Nach seinem grandiosen Wahlsieg ruft der konservative Berlusconi als erstes den französischen Staatschef an, holt sich Glückwünsche ab und will mit seinem alten Bekannten Sarkozy schon bald über eine Rettung der vom Absturz bedrohten Alitalia sprechen. Dann lädt er den engen Freund Wladimir Putin zu einer Stippvisite in seine sardische Prachtvilla ein, unterhält den scheidenden Präsidenten mit hübschen Tanzeinlagen einer TV-Showtruppe und erörtert Geschäfte: Gas und wieder Alitalia.
Treffen mit Bush
Während Außenpolitik im müden Wahlkampf praktisch die Rolle des Aschenbrödels zu spielen hatte, weil innenpolitische Probleme alles übertönten, wird der nach rechts gerückte Stiefel jetzt nach außen hin aktiv. US-Präsident Bush wolle ihn "in den nächsten Tagen" zum Abendessen im Weißen Haus sehen, so verkündete der Medienzar und Milliardär stolz. Der Mitte-Links-Regierungschef Romano Prodi hatte in den vergangenen Jahren einige Mühe, dorthin eingeladen zu werden. In kürzester Zeit dürften so die traditionell engen Beziehungen zwischen Washington und Rom einen zweiten Frühling erleben. War es doch Berlusconi, der Soldaten in den Irak entsandt hatte. Diese hatte Prodi dann wieder nach Italien zurückbeordert.
Das Anknüpfen an alte Tage scheint dem Mann, der nach 1994 und 2001 zum dritten Mal Regierungschef wird, zunächst mehr am Herzen zu liegen als das europäische Terrain. Dabei gibt es doch nicht nur gemeinsame Interessen mit Sarkozy - etwa in einem härteren Kurs gegen illegale Einwanderer, wie ihn die rechtspopulistische Lega Nord als Berlusconis starker Regierungspartner verlangt. Wegen der Energiepolitik und der Beziehungen zu Moskau sehen Italiens Blätter auch nicht ganz so schwarz, was Berlusconis Draht zu Angela Merkel angeht: "Entgegengesetzte Pole, die sich anziehen". Doch wo findet der Mann, der sich als Macher sieht, neben Sarkozy und Merkel Platz?
Berlusconis Nagelprobe
Europa wird so Berlusconis Nagelprobe, sollte er Glaubwürdigkeit wollen. Zunächst einmal zieht es ihn aber woanders hin. Schon früher stand er fest hinter Israel, jetzt will er seine erste offizielle Auslandsreise dorthin machen - zur 60-Jahr-Feier des Nahost-Staates. Zudem hat der Wahlsieger bereits angekündigt, dem Wunsch Washingtons und der NATO folgend mehr italienische Soldaten zur ISAF-Truppe in Afghanistan schicken zu wollen. "Neue Einsatzregeln" strebt er auch für die im Libanon stationierten italienischen Blauhelme an, weil diesen dort "unter bestimmten Umständen" die Hände gebunden seien.
Für den Posten des Außenministers schwebt Berlusconi vor, wieder auf den erfahrenen Franco Frattini zurückzukommen. Aber wird dieser mehr sein als die Stimme seines Herrn, der doch selbst gern an den Fäden zieht? Nach zwei Jahren unter dem nüchtern-sachlichen Romano Prodi wird Roms Außenpolitik jedenfalls wieder hemdsärmelig- informell, mit einem Regierungschef, der auf die persönlichen Freundschaften setzt.
(apa/red)
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