Samstag, 19. April 2008

Zerreißprobe für die Olympischen Spiele: Chinas Machtdemonstration beim Fackellauf

  • FORMAT: Konflikte in der chinesischen Gesellschaft
  • Tibeter und Uighuren kämpfen für die Unabhängigkeit

Im Vorfeld Olympias, gedacht als Machtdemonstration, brechen tiefe Gräben in der chinesischen Gesellschaft auf. Droht das Reich der Mitte zu zerbrechen? Eine Analyse.

Die Olympischen Spiele hätten das neue China auf einer Welttribüne präsentieren sollen: Stark, einig, eine Weltmacht. Vor allem aber wollte die chinesische Führung ein Signal nach innen setzen - endlich wieder ein gemeinsames Ziel, das Nationalstolz inspiriert. Doch der Plan, die Spiele patriotisch-politisch zu nützen, ging gründlich schief: Im Vorfeld von Olympia brechen - ausgehend von den blutig niedergeschlagenen Aufständen in der autonomen Provinz Tibet - alte, unaufgearbeitete Konflikte frisch auf, und die Welt sieht mit Schrecken: China hat sich wirtschaftlich in rasantem Tempo zur Weltmacht hinaufgearbeitet. Doch dem wachsenden Wohlstand folgten nicht, wie erhofft, politische Freiheit und Demokratie: Das Reich der Mitte steht vor einer Zerreißprobe und wird nur durch harte Repression und Zensur zusammengehalten. China droht, trotz - oder gerade wegen - seines wirtschaftlichen Erfolges mittelfristig zu zerbrechen.

Separatismus: nicht nur Tibet
Die Aufstände, die im März in Tibet begonnen haben, zeigen: China ist auch Jahrzehnte nach der Kulturrevolution keine einheitliche Nation. Die massenhafte Umsiedlung von Tibetern in die angrenzenden Provinzen sollte das Volk zerschlagen, doch die Regierung erntete ein politisch hoch aktives Netzwerk, das nun ganze Provinzen zu Unruheherden macht. Noch weiter im Westen liegt eine weitere Problemzone: In Xinjiang - ehemals Ost-Turkestan - sind acht der 19 Millionen Einwohner Uighuren, Angehörige eines muslimischen Turkvolkes, und auch dort wird regelmäßig gegen die Zentralmacht in Peking rebelliert. Die Reihe von Bombenanschlägen durch Separatisten wurde zwar Ende der 1990er-Jahre unterbunden, doch bis heute sind bewaffnete Guerillatruppen aktiv. Mehrere Tausend Uighuren sollen an Trainingslagern der al-Qaida in Afghanistan teilgenommen haben (22 von ihnen landeten deshalb in Guantanamo), weshalb die USA nach 9/11 aufhörten, das harte Vorgehen der chinesischen Regierung in Xinjiang zu kritisieren - obwohl die Uighuren zum Großteil eher proamerikanisch sind. Die Unruhen gehen trotz der Repression weiter: Erst im Jänner 2008 hob das Militär ein Separatistenlager aus und tötete dabei 16 Terroristen. Die jüngsten Unruhen brachen am 23. März aus, weil ein uighurischer Geschäftsmann in Polizeigewahrsam gestorben war - bekannt wurden sie erst nach der Niederschlagung der Aufstände in Tibet.

Die Aufstände und die Demonstrationen gegen den gründlich schiefgegangenen "Lauf der Harmonie" des olympischen Feuers wecken zumindest bei Han-Chinesen wieder einen Patriotismus, der an die Zeiten Maos erinnert: kein Tag ohne neue Meldungen über die Komplotte, die der Dalai Lama schmiedet. Und das ist erst der Vorgeschmack: Im Juni und Juli führt der "Lauf der Harmonie" mitten durch die Unruheprovinzen. Das chinesische Außenministerium hat schon einmal eine Reisewarnung ausgesprochen.

Doch trotz ihrer Brisanz sind die politisch motivierten Aufstände nicht das größte Problem der chinesischen Führung: Es ist ausgerechnet die boomende Wirtschaft, die die Gesellschaft zu spalten droht. Die Umstellung auf ein kapitalistisches System hat zwar den Hunger abgeschafft und vielen zu Wohlstand verholfen - doch der neue Reichtum ist extrem ungleich verteilt. Während an der Ostküste rund um Peking und Guangzhou Hochhäuser sprießen und die Zahl der Dollarmillionäre wächst, verarmen große Teile des Landes. Bis zu 200 Millionen Chinesen schlagen sich als völlig rechtlose Wanderarbeiter durch. Die sozialen Spannungen entladen sich immer wieder in Aufständen: 4.000 Revolten soll es, so die offiziellen Zahlen, pro Jahr geben. "Nur die Zensur der Presse und des Internets verhindert einen Flächenbrand - so wissen die vielen aufständischen Gruppen nicht voneinander", meint ein chinesischer Dissident in Wien. Und selbst in der aufsteigenden Mittelschicht führt die wirtschaftliche Lage, insbesondere die drohende Rezession beim Haupthandelspartner und Schuldner USA, zu Unruhe: Millionen Chinesen investieren in Immobilien und an der Börse, nun wächst die Angst vor einem Platzen der Blase nach den Spielen - und damit die Kritik an der Führung.

Mehr über die Wirtschaftsmacht China lesen Sie im aktuellen FORMAT 16/2008.

19.4.2008 16:08