Späte Sühne für ein ermordetes Mädchen: Nach 16 Jahren werden Akten neu geöffnet
- NEWS: Das grausame Verbrechen an Silke Schnabel
- Mutter will Cold Case jetzt vor Gericht neu aufrollen

·,Der Mörder soll jetzt endlich dafür büßen!'
Mutter des Opfers spricht im NEWS-Interview
Es gibt keine Stunde, sagt Monika S., in der sie nicht an Silke denkt, in der sie nicht durch irgendetwas an ihre Tochter erinnert wird. "Wenn ich am Spielplatz vorbeigehe, sehe ich sie in der Schaukel sitzen; wenn ich einen Kuchen backe, sehe ich sie neben mir stehen und Teig kneten; wenn ich die Wohnung aufräume, sehe ich sie am Schreibtisch Hausaufgaben machen." Und manchmal, nachts, in ihren Träumen, hört die Mutter sogar die Stimme ihres Kindes und sein Lachen: "Vielleicht, weil mein Innerstes bis dato noch immer nicht wirklich begriffen hat, dass Silke nicht mehr da ist".
Der "Fall Silke Schnabel" - seit mehr als einer Woche hatte die junge Salzburgerin bereits als vermisst gegolten, als am 21. Juli 1992 am Innufer bei Schwand, Oberösterreich, ihre schrecklich zugerichtete Leiche gefunden wurde.
Wie Gerichtsmediziner später feststellten, wies der Körper der 16-Jährigen, der tagelang im Wasser getrieben haben musste, massive Verletzungen auf: schwere Wunden im Genital- und Analbereich, Schädel-Hirn-Trauma, deutliche Würge- und Drosselmale. Die Schülerin, so ist im Obduktionsbefund vermerkt, war brutal sexuell missbraucht worden; ihr Peiniger hatte "mit dumpfer Gewalt", vermutlich mit seinen Händen, mehrmals auf ihren Kopf eingeschlagen und danach ihre Halsschlagader eingedrückt. So lange, bis das Mädchen starb.
Silkes letzte Stunden
Auf Hochtouren lief in der Folge die Fahndung nach dem unbekannten Schwerverbrecher an, penibelst begann die Kripo damit, die letzten Stunden im Leben von Silke Schnabel zu rekonstruieren.
Das erste Ergebnis: Laut Dutzenden übereinstimmenden Zeugenaussagen war das Mädchen in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1992 im "Max & Moritz", einer Diskothek im Salzburger Bahnhofsviertel, gewesen, hatte dort Fisch mit Kartoffelsalat und später noch Frankfurter Würstchen sowie einige Gläser Bier und Cola-Rot konsumiert.
Die Schülerin, so erhoben die Ermittler 1992 weiters, sei in Begleitung ihres Freundes in das Lokal gekommen, habe sich jedoch im Laufe des Abends mit ihm zerstritten. Danach sei ein gewisser Karl F., 34 (Name von der Redaktion geändert), mit ihr in Kontakt getreten, er habe mit der 16-Jährigen geplaudert, sie auf Getränke eingeladen, sei allerdings um circa 2 Uhr früh, nach einer Auseinandersetzung mit dem Servierpersonal, aus der Disco gewiesen worden.
Habe dann davor, auf einem Parkplatz, zweieinhalb Stunden gewartet - bis Silke Schnabel zur Sperrstunde das Lokal verließ. Und Hand in Hand seien die beiden anschließend - wie mehrere Gäste angaben - in Richtung Salzach losmarschiert
Spuren am Tatort?
Bald schon stießen die Kriminalisten zudem auf ein äußerst alarmierendes Polizeiprotokoll vom 11. Juli 1992: Am Morgen dieses Tages hatte nämlich eine Passantin die Funkstreife alarmiert - wegen eines Mannes, der, nur wenige hundert Meter vom "Max & Moritz" entfernt, nackt am Ufer des Flusses gelegen war. Und dieser Mann ist kein anderer als Karl F. gewesen.
Seine Jeans, sie hing bis zu den Kniekehlen hinab, Unterhose, T-Shirt, Schuhe lagen im zertretenen Gras verstreut um ihn herum. Und ein hellgelbes Blouson. "Vergessen Sie es nicht", sagten die Beamten sogar noch, als Karl F. sich langsam ankleidete. Und konnten zu diesem Zeitpunkt, am Morgen des 11. Juli 1992 - Silke Schnabel war da ja noch nicht einmal abgängig gemeldet gewesen -, nicht wissen, dass die Jacke in Wahrheit einem Mordopfer gehörte
Massiver Tatverdacht
Fest steht: Am 24. Juli 1992 wurde Karl F., ein wegen mehrerer Sexualdelikte Vorbestrafter, der bereits über fünf Jahre in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher gesessen hatte, wegen des dringenden Verdachts der vorsätzlichen Tötung an der Schülerin festgenommen.
Im Verhör gab der Hilfsarbeiter zunächst an, das Mädchen "überhaupt nicht gekannt" und auch "noch niemals gesehen" zu haben, in weiteren Vernehmungen gestand er dann zwar, mit der 16-Jährigen in der mutmaßlichen Tatnacht auf der Suche nach einer geöffneten Bar durch Salzburg spaziert zu sein, "doch beim Gehen" behauptete er, "stellten wir schließlich beide fest, dass wir eigentlich viel zu müde waren, um, durchzumachen', darum trennten wir uns ganz friedlich voneinander". Irgendwo in der Stadt. Und danach sei er sofort mit dem nächsten Bus heim, zur Wohnung seiner Eltern, gefahren, um dort seinen Rausch auszuschlafen. Eine Lüge, wie der polizeiliche Aufgriff an der Salzach bewies.
Trotz alledem: Am 25. November 1992, nach vier Monaten Untersuchungshaft, wurde Karl F. überraschend in Freiheit entlassen, just an dem Tag, an dem die Kripo gegen ihn endgültig "Anzeige wegen Mordes" erstattet hatte.
Der Grund für die Einstellung des Verfahrens: Dem Gericht hatten die vorliegenden Beweise für eine Anklageerhebung nicht ausgereicht, es sei nicht hundertprozentig belegbar, hieß es, dass die bei dem Verdächtigen gefundene Jacke dem Opfer gehört beziehungsweise dass das Mädchen diese tatsächlich in der Tatnacht getragen hatte; und außerdem sei das Blut an Karl F.s Gürtel nicht zwingend Silke Schnabel zuordenbar.
Neue Ermittlungen nach 16 Jahren?
Jetzt, 16 Jahre nach dem grauenvollen Verbrechen an der Schülerin, stehen jedoch die Chancen nicht schlecht, dass der "Fall Silke Schnabel" neu aufgerollt wird.
Im Auftrag von Monika S., der Mutter des Opfers, die - wie die Fahnder, welche die Causa einst bearbeiteten - bis heute von der Schuld Karl F.s überzeugt ist, hat nämlich kürzlich der Salzburger Anwalt Stefan Rieder bei Gericht einen Antrag auf "Fortführung und/ oder Wiederaufnahme des Verfahrens" gestellt. Karl F. droht damit eine neuerliche Inhaftierung - und ein Mordprozess.
Mehr über den Fall lesen Sie im aktuellen NEWS 16/2008.
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