Freitag, 11. April 2008

Chance in der Krebsbehandlung: Mobile Stammzelle für Tumorbildung verantwortlich

  • Prozess um Krebsmetastasierung nun verständlicher
  • 2007 starben 1, 8 Millionen Europäer an Krebs

Krebs tötet zum überwiegendsten Teil nicht durch den primären Tumor, sondern durch die Tochtergeschwülste (Metastasen), die als "Aussaat" entstehen. Doch erstmals kommen nun Wissenschafter dahinter, wie das funktioniert, hieß es vor kurzem bei einem Kongress des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin.

"Bisher war der Prozess, wie Krebsmetastasen entstehen, von einer verwirrenden Komplexität. Jetzt sehen wir klarer und können beginnen, diesen Vorgang Stück für Stück zu entwirren", erklärte Robert Weinberg vom Whitehead Institut für Biomedizinische Forschung (Cambridge/USA).

Grund dafür ist laut dem US-Experten, dass Krebsforscher in den vergangenen Jahren eine Reihe von Transkriptionsfaktoren entdeckt haben. Das sind Proteine, die Gene an- und ausschalten und die, wie die Forschung inzwischen gezeigt hat, auch bei der Entstehung von Metastasen beteiligt sind: "Transkriptionsfaktoren können in höchst bösartigen Krebszellen agieren und viele Eigenschaften dieser Zellen umprogrammieren. Aber auch die Krebszellen selbst sind in der Lage, eine relative kleine Anzahl von Schlüsselkontrollgenen anzuschalten und sie für ihre Zwecke auszubeuten."

2007: 1,8 Mio. Krebstote in Europa
2007 starben nach einer Statistik der Amerikanischen Krebsgesellschaft fast 560.000 US-Bürger und mehr als 1,8 Millionen Europäer an Krebs. Weinberg: "Nur zehn Prozent der Patienten sterben an ihrem Ersttumor."

Die Mehrzahl der lebensgefährlichen Tumore, etwa 80 Prozent, entsteht in Gewebe, das aus Epithelzellen besteht. Epithelzellen kleiden innere Organe aus: Brustdrüsen, Darm, Prostata oder Blut- und Lymphgefäße. Zu den Epithelzellen gehören aber auch die Hautzellen, welche die äußere Schutzschicht des Körpers bilden. Einzelne Krebszellen aber lösen sich aus dem Tumor und wandern über Blut- und Lymphgefäße in andere Organe ein, wo sie Metastasen bilden.

Mobile Stammzellen als Problem
Laut neueren Erkenntnissen scheinen immer mehr "mobile Krebsstammzellen" bei bösartigen Erkrankungen das Problem zu sein. Thomas Brabletz von der Universitätsklinik Freiburg: "Sie sind die gefährlichsten Zellen für den Krebspatienten, denn sie sind nach unserem Modell der Hauptursprung von Metastasen." Bisher ging die Forschung davon aus, dass jede einzelne Tumorzelle Metastasen bilden kann. Doch dem dürfte nicht so sein.

Ein Beispielsfall ist Darmkrebs: Krebsstammzellen entstehen, so Brabletz, aus den Stammzellen des Dickdarms (Kolon). Die Stammzellen sorgen normalerweise dafür, dass die Zellen des Darms, die nur eine begrenzte Lebensdauer haben, regelmäßig, das heißt einmal am Tag, erneuert werden. Wird eine solche Stammzelle zur Krebsstammzelle, kann sie sich anschließend unbegrenzt teilen und weitere Krebsstammzellen hervorbringen. In einem weiteren Schritt löst sich die Krebsstammzelle vom Ursprungstumor ab und kann sich über die Blutgefäße im Körper verbreiten.

Hier schließt sich der Kreis zu wissenschaftlichen Ansätzen, die schon vor rund 20 Jahren - zum Beispiel am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien - postuliert wurden. Der Freiburger Experte: "Die speziellen Krebsstammzellen aktivieren längst stillgelegte Signalwege, die der Organismus während seiner Entwicklung als Embryo nutzte."

Falsche Signale - Mobile Stammzelle
Die fälschlicherweise aktivierten Signalwege machen die ursprüngliche Stammzelle unabhängig von Signalen ihres Umfeldes. Diese Signale kontrollieren normalerweise streng die Tätigkeiten der Stammzelle. "Doch diese stationären, unbeweglichen Krebsstammzellen können noch keine Metastasen bilden", so Brabletz. Dazu müssen sie erst mobil werden. Auch dabei spielen Veränderungen in wichtigen Signalwegen der Zelle oder ihrer Umgebung eine entscheidende Rolle. Das heißt, die Krebsstammzellen verändern sich weiter und verlieren dadurch auch den Kontakt zu ihren Nachbarn und werden nicht mehr im Zellverband gehalten. Das ist dann die "epitheliale-mesenchymale Transition", kurz EMT.

Sollte sich dieses neue Modell der Entstehung von Metastasen in den nächsten Jahren bestätigen, wird dies nach Auffassung des Wissenschafters weitführende Konsequenzen für die Grundlagenforschung, aber auch für die Behandlung von Patienten haben: "Die mobilen Krebsstammzellen wären optimale Ziele in der Krebstherapie. Sie sind die gefährlichsten Zellen für den Krebspatienten, denn sie sind nach unserem Modell der Hauptursprung von Metastasen." (APA/red)

11.4.2008 10:47