Freitag, 11. April 2008

Handyfreie Zonen in österreichischen Öffis?
SPÖ lehnt Initiative der ÖVP aus Graz ab

  • Kalina: "Völlig anachronistisch" und verfassungswidrig
  • Experten pochen auf Sensibilisierung der Fahrgäste
    UMFRAGE: Sind Sie auch für mobilfunkfreie Zonen?

Nach den Rauchern geht es vielleicht auch bald den Vieltelefonierern an den Kragen: Zumindest in der Öffentlichkeit, denn dort kündigt sich der Trend an, ein Handy-Verbot in Öffis durchzusetzen. Bereits vor dem jüngsten Vorstoß von Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl reagierten die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) auf den Ärger zahlreicher Fahrgäste und schufen in Zügen testweise Ruhezonen, wo neben Mobiltelefone auch MP3-Player tabu sind. Experten und politische Parteien haben sich sehr unterschiedlich zu diesem Thema geäußert.

Die SPÖ lehnt ein solches Handy-Verbot in öffentlichen Verkehrsmitteln ab. Bundesgeschäftsführer Josef Kalina bezeichnete die Vorschläge des Grazer Bürgermeisters als "völlig anachronistische Idee". Ein Handyverbot sei wohl auch verfassungsrechtlich nicht haltbar, so Kalina.

Kritik der SPÖ an ÖVP
Der Umgang mit dem Handy sollte von jedem so gewählt werden, dass man damit seine Umgebung nicht belästigt. Das sei eine Frage des Verhaltens von Menschen untereinander und der gegenseitigen Rücksichtnahme, so Kalina. "Eine Partei, die sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen einen sinnvollen Nichtraucherschutz wehrt und mit der Freiheit des Einzelnen argumentiert, will hier plötzlich verordnen und verbieten", kritisiert der SPÖ-Bundesgeschäftsführer die ÖVP.

In Graz und Linz gibt es derzeit Diskussionen über ein mögliches Handyverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln. Geht es nach dem Grazer Bürgermeister Nagl, soll in der steirischen Hauptstadt demnächst ein "sanftes Verbot" - ohne Strafen - umgesetzt werden. In Linz wiederum soll das Thema im Mai bei einer Tagung des Fachverbands für Schienenverkehr auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Grüne: "Handyfreie Öffis schonen Nerven"
Viel von der Idee, zumindest handyfreie Zonen in öffentlichen Verkehrsmitteln einzuführen, halten hingegen die Grünen. Sie planen im Nationalrat einen Antrag für die großzügige Einführung solcher Zonen in den Zügen der ÖBB, wie Verkehrssprecherin Gabriela Moser ankündigte. "Handyfreie Öffis schonen Nerven, Gesundheit und Geldbörse! Deshalb sollen auch die ÖBB mindestens zur Hälfte handyfreie Waggons bzw. Abteils anbieten", erklärte Moser.

Graz: Verbot "eine sinnige Geschichte"
Auch die Grazer Vizebürgermeisterin Rücker von den Grünen hält ein solches Verbot "für eine sinnige Geschichte". Die Grazer Verkehrsbetriebe bzw. ihre "Mutter" Grazer Stadtwerke AG sind weniger begeistert, wollen aber "prüfen". Nagls Sprecher bestätigte Aussagen des ÖVP-Bürgermeisters in der "Kleinen Zeitung", dass er in den Grazer Öffis ein Handy-Verbot durchsetzen will. "Es sind keine extra Kontrollen und Strafen geplant, es soll nur mittels Pickerl - wie jene, die das Eisessen untersagen - klar gemacht werden, dass telefonieren unerwünscht ist", sagte der Bürgermeister-Sprecher, der diese Maßnahmen als "Trägerrakete" für weitergehende Lärmschutz- und Maßnahmen zur Hebung der Lebensqualität sieht.

Linz steht in den Startlöchern
Die Rückmeldungen seien tendenziell positiv, wenn auch altersmäßig unterschiedlich, hieß es. In der oberösterreichischen Landeshauptstadt zeigt sich die Linz AG beim Thema Handyverbot in Öffis zwar durchaus aufgeschlossen, will aber keinen Alleingang versuchen, wie Vorstandsdirektor Walter Rathberger sagte. Aus der Stadtpolitik habe er allerdings negative Signale erhalten.

Sollten alle Landeshauptstädte gemeinsam ein Handyverbot erlassen, wäre Linz dabei, so Rathberger. Allerdings müssten vorher noch rechtliche Fragen und die Art der Kontrolle geklärt werden. Sollte kein Handyverbot zustande kommen, überlegt die Linz AG andere Maßnahmen, um die mobile "Telefonitis" in den Straßenbahnen einzudämmen.

Wien ziert sich
Das Thema Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln berührt die Passagiere der Wiener Linien kaum - zumindest, wenn man die Zahl der kritischen Meldungen als Maß nimmt. "Es gibt nur ganz wenige Beschwerden", erklärt Wiener Linien-Sprecherin Sandra Stehlik und hielt fest: "Wir bleiben auf Empfang."

Das Handy-Netz in der U-Bahn ist ja mit beträchtlichem Aufwand ausgebaut worden. "Wir sehen keinen Grund, das jetzt zu ändern", sagte Stehlik. Die Wiener Linien setzen auf Appelle an die "gute Kinderstube" der Fahrgäste, das heißt, beim Telefonieren möglichst leise zu reden, damit der Sitznachbar nicht gezwungen ist, Sorgen und Nöte von Mann/Frau am Handy zu teilen.

ÖBB in der Vorreiterrolle
Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben schon länger auf die Beschwerden von Kunden reagiert und schufen in Zügen Ruhezonen, wo Handys und MP3-Player tabu sind. In Salzburg startete vor Ende März ein zweimonatiges Pilotprojekt. Wird dieses von den Fahrgästen angenommen, soll es auf ganz Österreich ausgedehnt werden.

"Wir anerkennen die neuen Kommunikationsformen vor allem der jüngeren Kundengruppen. Jedoch wollen wir auch für jene Kunden, die sich durch Handyklingeln, Telefonieren oder Musik hören gestört fühlen, Zonen der Ruhe schaffen. In den Ruhezonen können unsere Kunden ungestört lesen, sich ausruhen oder ganz einfach in Ruhe die Landschaft am Fenster vorbeiziehen lassen. Bahnfahren soll für alle Zielgruppen zum entspannenden Reiseerlebnis werden", sagte der Regionalmanager der ÖBB, Erich Fercher, in einer Aussendung.

Experten pochen auf Sensibilisierung
Ein Psychologe meinte, private - und für andere mithörbare - Telefonate in Öffis seien eine "kulturtechnische Angelegenheit, mit der die Gesellschaft wohl umzugehen lernen" müsse. Der Experte setzte mehr auf Einsicht statt auf ein Handyverbot. Auch das Forum Mobilkommunikation (FMK) meldete sich zu Wort und sprach sich für Sensibilisierungskampagnen statt einem Handy-Verbot aus. (apa/red)

11.4.2008 14:35