Freitag, 11. April 2008

Ungeduld der Entführer steigt: Kidnapper
der beiden Sahara-Geiseln rügen Österreich

  • Forderung: Freilassung des Wiener Islamistenpaars
  • Österreich soll Soldaten aus Afghanistan abziehen

Kurz nach Ablauf des dritten Ultimatums der Kidnapper des in Tunesien entführten österreichischen Touristenpaares Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber hat die Terrorgruppe "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" angebliche frühere Forderungen erneuert und offenbar alte fallen lassen. Die Extremisten verlangen in einer nun im Internet verbreiteten Botschaft wieder die Freilassung zweier in Österreich inhaftierter Muslime. Die österreichischen Behörden wurden in der Botschaft gerügt.

Die "Al-Kaida" im Maghreb erhob nach Angaben der in Washington ansässigen Organisation SITE Intelligence Group schwere Vorwürfe gegen die österreichischen Behörden: "Wir (...) haben uns aufs äußerste bemüht, aber es scheint, dass es Österreich nicht ernst war, die Leben ihrer Bürger zu erhalten", hieß es den Angaben zufolge in der Botschaft, die im passwort-geschützten Bereich des bekannten islamistischen Internetforums "Al-Hesbah" veröffentlicht worden war. Zum Zustand ihrer Geiseln oder deren Aufenthaltsort machte die "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" laut SITE keine Angaben.

"Österreich hat Geringschätzung und Leichtsinn hinsichtlich seiner Bürger gezeigt - trotz der Flexibilität der Mujaheddin in ihren legitimen Forderungen", hieß es in der Botschaft weiter. "Nun, nach den neuen Bedingungen der Mujaheddin, ist es an erster Stelle verantwortlich für die Leben und das Schicksal der Verschleppten." Außenamts-Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal wurde laut SITE in der Botschaft als "Lügner" bezeichnet.

Plassnik will keine Details kommentieren
Weiterhin sehr zugeknöpft gibt sich das Außenministerium zum Stand der Verhandlungen mit jenen Geiselnehmern, die zwei Österreicher in Tunesien entführt haben. Man nehme die Situation sehr ernst, so Außenministerin Ursula Plassnik vor dem Ministerrat.

Im Hinblick auf die Sicherheit der Geiseln wolle man keine Details kommentieren, betonte die Ressortchefin. So gab es auch keine Stellungnahme zur jüngsten Internet-Botschaft, in der die Geiselnehmer Österreich vorwerfen sollen, für ihre entführten Landsleute zu wenig zu unternehmen. "Wir arbeiten hinter den Kulissen", so Plassnik wörtlich.

Analysen auf Hochtouren
Nach der Veröffentlichung analysieren nach Angaben des Außenministeriums derzeit Experten den Text. Wie Außenamtssprecher Launsky-Tieffenthal auf Anfrage der APA am Dienstag sagte, müsse zunächst die Authentizität der Mitteilung geprüft werden. Daher könne das Ministerium keine inhaltliche Stellungnahme zu der Botschaft abgeben.

Bei den beiden in Österreich inhaftierten Muslimen, die freigepresst werden sollen, handelt es sich um das in Wien wegen islamistischer Drohvideos (nicht rechtskräftig) verurteilte Ehepaar Mohamed M. (22) und Mona S. (21). Schon früher soll deren Freilassung von den Kidnappern gefordert worden sein. Wie die Tageszeitung "Österreich" in ihrer Dienstag-Ausgabe berichtet, heißt es in einem Schreiben der als Al-Kaida-nahe eingestuften "Globalen Islamischen Medienfront" (GIMF) allerdings: "Diese Forderung können wir nicht bestätigen. Unsere Brüder (Anm.: gemeint ist die Al-Kaida im Islamischen Maghreb) haben Derartiges nie erwähnt." Mohamed M. hatte sich laut dem Urteil im sogenannten Wiener Terror-Prozess federführend in der GIMF betätigt.

Erneute Forderungen
In der neuen Botschaft der "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" heißt es demgegenüber, die frühere Forderung nach Freilassung von in Tunesien und Algerien inhaftierten Gesinnungsgenossen sei fallen gelassen worden; stattdessen solle das Ehepaar, das im "Guantanamo von Österreich" gefangen gehalten und "gefoltert" werde, freikommen. Darüber hinaus müsse Österreich seine Soldaten aus Afghanistan abziehen. Laut Verteidigungsministerium sind derzeit zwei Bundesheer-Soldaten dort bei der NATO-Truppe ISAF stationiert.

"Österreich" berichtete weiters mit Berufung auf das GIMF-Schreiben, die Geiselnehmer sollen vor Ablauf des zweiten Ultimatums am 23. März einen Teilbetrag des Lösegeldes erhalten haben. Das Außenministerium und der Sprecher der Angehörigen dementierten.

Ultimatum ausgelaufen
Das bisher letzte, vom Außenamt aber nicht bestätigte Ultimatum der Entführer war am Sonntag 24.00 Uhr abgelaufen. Die "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" hatte es überhaupt als "letztes Ultimatum" bezeichnet, nachdem es bereits zwei Verlängerungen gegeben hatte. Das Außenministerium hatte sich am Sonntag zuversichtlich über eine Lösung der Krise geäußert. Launsky-Tieffenthal erklärte, die Behörden glaubten, es stehe noch mehr Zeit zur Verfügung. Am Montag sagte er gegenüber der APA, man arbeite "mit Hochdruck" an der Freilassung.

Das Schicksal des Halleiner Touristenpaares Wolfgang Ebner (51) und Andrea Kloiber (43) war nach Ablauf des Ultimatums ungewiss. Sie verschwanden am 18. Februar während einer Urlaubsreise durch den Süden Tunesiens nahe der algerischen Grenze. Ihr heutiger Aufenthaltsort ist nicht genau bekannt; sie werden im Grenzgebiet zwischen Algerien und Mali vermutet. (APA/red)

11.4.2008 18:25