Donnerstag, 3. April 2008

400.000 Autos nicht für Biosprit geeignet:
Überdenken der bisherigen Politik gefordert

  • Für ARBÖ ist ökologischer Nutzen mehr als fraglich
  • Gemüsebauern wollen auf Spritproduktion umstellen

Die geplante Erhöhung des Biosprit-Anteils von derzeit fünf auf zehn Prozent im Jahr 2010 stößt auf immer mehr Widerstand. Deutschland hat bereits angekündigt, diese Vorgabe zu überprüfen. Im Gegensatz zu Deutschland und Österreich plant die EU erst 2020 eine Quote von 10 Prozent. Nun fordern auch hierzulande SPÖ, Grüne, Arbeiterkammer, ÖAMTC, ARBÖ, VCÖ und Global 2000 ein Umdenken von Landwirtschafts- und Umweltminister Josef Pröll. Für eine Anhebung der Quote hatten sich bisher die Landwirtschaftskammer und der Bauernbund ausgesprochen.

Laut einer Berechnung des ARBÖ müssten 400.000 Besitzer von Benzinern künftig den teureren Super Plus tanken, da ihre Fahrzeuge nicht für Biobenzin geeignet seien. Schon jetzt habe die Beimischung von biogenen Treibstoffen die Autofahrer zusätzlich 2 Cent je Liter gekostet. Einer parlamentarischen Anfrage der Grünen zufolge müsste für eine zehnprozentige Beimischung von biogenen Treibstoffen bis zum Jahr 2010 eine Fläche von 700.000 Hektar mit Energiepflanzen bebaut werden. Dies wäre in etwa die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Ackerfläche.

Einen neuen Aspekt brachten die Marchfelder Gemüsebauern ein. Weil sie mit den Rohstoffpreisen unzufrieden sind, überlegen sie den Umstieg auf die Produktion von Biosprit, berichtet die "Kronen Zeitung".

Die SPÖ stellte klar, dass eine grundsätzliche Diskussion über die Auswirkungen von agrarischen Treibstoffen längst überfällig sei. SPÖ-Umweltsprecherin Petra Bayr forderte ein Moratorium für das 10-Prozent-Ziel. Die Grünen wiederum verwiesen darauf, dass es schon jetzt Engpässe am Futtermittelsektor gebe, obwohl die EU ohnehin mehr als 40 Millionen Tonnen Futtermittel aus Drittstaaten einführe.

AK fordert Kehrtwende
Die AK meinte, die "Biosprit-Front bröckelt" und fordere eine "sofortige Kehrtwende in der österreichischen Agrotreibstoff-Politik". "Gerade in Zeiten rasant steigender Lebenshaltungskosten muss der Preistreiber Biosprit weg", hieß es. Hinzu komme, dass die Biosprit-Beimischung eine extrem teure Klimaschutzmaßnahme sei: "Die Einsparung von einer Tonne des klimaschädlichen Kohlendioxids mit Agro-Diesel kostet in Österreich 210 Euro, mit Ethanol sogar 860 Euro, wenn es in Österreich hergestellt wird. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert sonstiger Klimaschutzmaßnahmen in Österreich, wie Kraft-Wärme-Kopplungen oder Wärmedämmung an Wohnhäusern kostet dagegen nur 5 Euro pro eingesparter Tonne Kohlendioxids."

Negative Ökobilanz
Der ÖAMTC verwies wie der ARBÖ auf Motorenprobleme bei der Zumischung von höheren Mengen von Biobenzin. "Solange der Fahrzeugbestand seitens der Automobilindustrie nicht für E10 freigegeben ist, muss die Verfügbarkeit von Normal- und Superbenzin mit einem Ethanolanteil von maximal fünf Prozent (E5) sichergestellt sein", so der Chef der ÖAMTC-Interessenvertretung, Mario Rohracher. Kritik kam auch von Global 2000 und dem VCÖ, die auf eine ihrer Einschätzung nach negative Ökobilanz hinweisen.

Laut einer parlamentarischen Anfrage der Grünen wurden im ersten Halbjahr 2007 knapp 2 Millionen Tonnen Dieselkraftstoffe mit beigemengten biogenen Kraftstoffen nach Österreich importiert. Weiters wurden gut 24.000 Tonnen reiner biogener Kraftstoff für die Beimengung zum Diesel eingeführt. Beim Benzin wurden fast 70.000 Tonnen Treibstoff mit zugesetzten Bioanteilen importiert.

In Deutschland haben heute CDU/CSU, FDP und Grüne eine Abkehr von den Agrosprit-Plänen gefordert. Eine offizielle Entscheidung von Umweltminister Sigmar Gabriel stand noch aus.

(APA/red)

3.4.2008 15:15