Mittwoch, 2. April 2008

Chaos am Flughafen Heathrow: Der neue Terminal 5 wird zur Blamage für England

  • Über 300 Flüge wurden seit Donnerstag gestrichen
  • Die Gewerkschaft warnte bereits vor einem Fiasko

Die Queen sah toll aus. Roter Hut mit schwarzer Feder, dunkler Brokatmantel. Ihre Rede bei der Champagner-Party zur Übergabe des neuen Luftdrehkreuzes der British Airways (BA) brachte sie in einer ihrer schicken Handtaschen mit. "Millionen von Reisenden werden die Ideen und die Sorgfalt zu schätzen wissen, die in dieses bedeutende Terminal eingeflossen sind." Das war vor zwei Wochen. Als nun das Terminal 5 - gepriesen als "Großbritanniens neues Tor zur Welt" den Betrieb aufnehmen sollte, brach Chaos aus.

Binnen Stunden wurde Terminal 5 zum "Terminal Fiasko". Die Blamage trifft das ganze Land. "Wer traut uns noch zu, 2012 Olympische Spiele über die Bühne zu bringen?", fragte ein Kommentator. Weil die angeblich supereffektive automatisierte Gepäckabfertigungsanlage am "T5" versagte, mussten mehr und mehr Flüge abgesagt werden. Tausende Reisende strandeten.

Koffer blieben in London
Wer fliegen durfte, musste oft zustimmen, die Koffer in London zu lassen. Touristen gingen ohne Urlaubskleidung auf die Reise, Musiker ohne Instrumente, Geschäftsleute ohne Produktproben. Der Frust wuchs von Stunde zu Stunde. Auch am Sonntag - vier Tage nach dem "T5"- Fehlstart - mussten British Airways noch Flüge streichen. Gegen Mitte der Woche werde sich die Lage hoffentlich normalisiert haben, hieß es.

Zum Skifahren ohnen Ski-Gepäck
"Auf der BA-Website stand 'planmäßig'", sagte Pauline Dupont, die nach Paris wollte. "Erst hier sagte man 'umkehren, nichts geht'." Die "gute Nachricht" - verkündeten BA-Mitarbeiter - sei, dass "kein Langstreckenflug abgesagt wird". Eine Schulklasse konnte sich darüber nicht so richtig freuen. Sie flog ohne Ski-Gepäck in die USA - zum Wintersport in die Rockys.

Rüge an Britisch Airways
Bei den Medien häuften sich Klagen frustrierter Reisender. Nach Angaben des Senders BBC sah sich die Flugaufsichtsbehörde CAA gezwungen, BA darauf hinzuweisen, dass nach EU-Regeln für die korrekte Information der Reisenden und für die Hotel-Übernachtung gestrandeter Passagiere zu sorgen ist.

Gepäckberge
Die Berichterstattung der Sender hatte Folgen: Vom zweiten Chaos-Tag an wurde Kameraleuten der Zutritt zum "Terminal Fiasko" verwehrt. Erst heimlich aufgenommene Digitalfotos verschafften der Öffentlichkeit einen Eindruck von den sich immer höher auftürmenden Gepäckbergen.

Arrogante Manager
Gewerkschaften machten Arroganz und Ignoranz von Managern für das Versagen mitverantwortlich: "Alle unsere Warnungen, dass das Personal nicht ausreichend für die neue Anlage geschult wurde, sind auf taube Ohren gestoßen", erklärte Steve Turner, Chef der Gewerkschaft Unite.

"Open Sky" ist in Kraft
Die Verantwortlichen waren anscheinend auf einen Termin fixiert: Am Sonntag trat das Abkommen "Open Sky" in Kraft. Nun dürfen neben BA auch andere europäische Airlines von Heathrow aus Direktflüge nach Amerika anbieten. Da wollte man die alte Vormacht der BA wohl mit einem Hochglanz-Terminal verteidigen, auf dem keine andere Airline zugelassen wird. Die Konkurrenz von Air France-KLM beginnt mit US-Flügen ab Heathrow am Montag. Andere werden nachziehen. Sie fliegen von einem Airport-Teil aus, der zwar alt ist, aber wenigstens funktioniert. Eingeweiht hatte ihn ebenfalls die Queen. Das war 1955. (dpa/red)

2.4.2008 15:02