Donnerstag, 3. April 2008

Verkauf der Alitalia an die France-KLM ist gescheitert: Regierung in Rom prüft die Lage

  • Regierungschef Prodi erzürnt über Gewerkschaften
  • Gewerkschaften fordern Treffen mit Regierung

Die Übernahmepläne von Air France-KLM für den angeschlagenen Konkurrenten Alitalia sind gescheitert. Der französisch-niederländische Konzern erklärte die Verhandlungen für beendet, nachdem seine Gespräche mit den italienischen Gewerkschaften über das Vorhaben zusammengebrochen waren. Alitalia-Chef Maurizio Prato trat zurück und berief ein außerordentliches Treffen des Verwaltungsrats ein. Einem Gewerkschaftsvertreter zufolge könnte das Scheitern der Übernahme auch eine Krisensitzung der scheidenden Regierung in Rom nur wenige Tage vor den Wahlen am 13./14. April beschäftigen.

Air France-KLM hatte für den Fall einer Übernahme des Staatsanteils von 49,9 Prozent an Alitalia massive Stellenstreichungen angekündigt, seine Offerte aber von der Zustimmung der Gewerkschaften abhängig gemacht.

Air-France-Chef bedauert
Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta bedauerte das Scheitern der Gespräche und erklärte, die Umstände erlaubten keine Fortsetzung der Verhandlungen. Zuvor hatte er Gewerkschaftskreisen zufolge Forderungen nach einem Erhalt der Alitalia-Beteiligung an deren problemträchtiger Bodenservice-Sparte sowie einer schnelleren Flottenmodernisierung und dem Erhalt eines eigenen Frachtdienstes abgelehnt. Seine Zugeständnisse bei diesen Streitpunkten gingen den Gewerkschaften demnach nicht weit genug.

Alitalia hatte die Zustimmung der Gewerkschaften gefordert und erklärt, weitere Verzögerungen würden die ohnehin desolate Finanzsituation des Unternehmens noch verschlimmern. "Dieses Unternehmen ist verflucht. Nur ein Exorzist kann es retten", wurde Konzernchef Prato aus den Verhandlungen zitiert.

Prodi gibt Gewerkschaften Schuld
Der noch amtierende italienische Regierungschef Romano Prodi reagiert verärgert auf den Abbruch der Verhandlungen mit Air France-KLM über den Verkauf der krisengeschüttelten Alitalia. Prodi beschuldigte die Gewerkschaften, allein für das Ende der Gespräche mit den Franzosen verantwortlich zu sein. "Der Abbruch der Verhandlungen ist ein großer Fehler der Gewerkschaften, der uns allen teuer zu stehen kommen wird. Die Gewerkschaften müssen die Verantwortung für das Scheitern übernehmen", sagte Prodi.

Die Alitalia-Aktie an der Mailänder Börse wurde vom Handel ausgesetzt. Gewartet wird auf die Aufsichtsratssitzung der Alitalia, die über die Demission des Präsidenten Maurizio Prato beraten muss. Prato hatte nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Air France-KLM am Mittwochabend den Hut genommen. "Auf diesem Unternehmen (Alitalia) liegt ein Fluch, nur ein Exorzist kann die Gesellschaft retten", wurde Prato von italienischen Medien am Donnerstag zitiert. Die kommissarische Verwaltung rückt damit näher. Wahrscheinlicher ist aber auch, dass die Regierung Prodi Prato bitte, auf seinen Posten zurückzukehren und Kontinuität bis zu den Parlamentswahlen am 13. und 14. April zu garantieren.

Gewerkschaften fordern Treffen mit Regierung
Nach den gescheiterten Verhandlungen mit Air France-KLM haben die italienischen Gewerkschaften um ein Treffen mit der Regierung Prodi gebeten, um über die Aussichten der maroden Fluggesellschaft Alitalia zu beraten. Die Gewerkschaften wiesen den Vorwurf zurück, sie seien für das Scheitern der Verhandlungen mit Air France-KLM verantwortlich. "Die Regierung hat uns bei den Gesprächen mit Air France-KLM allein gelassen", kritisierte Gewerkschaftssprecher Luigi Angeletti.

Rom prüft Neuaufnahme der Verhandlungen
Die italienische Regierung prüft, ob die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Air France-KLM vorhanden sind. Dies teilte das Kabinett in einer Presseaussendung mit. Nach der Demission von Alitalias Chef Maurizio Prato suche die Regierung nach einem Ausweg aus der Krise, hieß es. Die Regierung forderte den Aufsichtsrat Alitalias auf, für die Fortsetzung der Tätigkeit der Airline zu sorgen.

Der italienische Oppositionschef Silvio Berlusconi appellierte inzwischen an italienische Unternehmer, sich zur Rettung Alitalias zu aktivieren. Man dürfe nicht zulassen, dass Italien seine nationale Fluggesellschaft verliere.

Lufthansa plant kein Angebot für Alitalia
Die deutsche Lufthansa plant nach dem Scheitern einer Übernahme von Alitalia durch Air France kein Angebot für die angeschlagene italienische Fluggesellschaft. "Unsere Einschätzung zu Alitalia hat sich nicht verändert", sagte ein Sprecher. Lufthansa war im Dezember nach Vorgesprächen mit Alitalia wegen zu hoher Risiken nicht ins Bieterrennen eingestiegen. "Wir sind weiter der Auffassung, dass Italien ein wichtiger und attraktiver Markt ist und werden die weitere Entwicklung genau beobachten", sagte der Sprecher weiter. (APA/red)

3.4.2008 14:41