Donnerstag, 27. März 2008

Erste Bank verkauft ihre Versicherungen: Wiener Städtische als Käufer und Partner

  • Kooperation der Partner über Jahrzehnte geplant
  • Veräußerungsgewinn für die Bilanz der Erste-Bank

Dass Erste Bank und Wiener Städtische einmal aneinander rücken sollten, galt in der Finanzbranche als ein offenes Geheimnis. Nun wurde nach Börseschluss verkündet, dass sich die Erste Bank ganz aufs Bankgeschäft konzentrieren will und ihre Versicherungstöchter bis zum Herbst für 1,445 Mrd. Euro an die Wiener Städtische Versicherung verkauft. Die zugleich besiegelte Vertriebskooperation der beiden börsenotierten österreichischen Häuser ist auf Jahrzehnte angelegt.

Das zunächst 15 Jahre laufende Vertriebsabkommen bedeutet, dass Versicherung und Bank in allen Ländern, wo sie beide aktiv sind, eine "Preferred Partnership" unterhalten. Darunter fallen neben Österreich Kroatien, Rumänien, Tschechien, Serbien, die Slowakei, die Ukraine und Ungarn.

Frisches Geld aus dem Osten
Die Vertriebsvereinbarung verlängert sich automatisch um 10 Jahre, wenn sie nicht 12 Monate vor Ablauf durch einen der beiden Partner gekündigt wird. Damit erhoffen sich beide Häuser Synergien. Beide Parteien verpflichten sich per Vertrag, die Produkte des jeweils anderen Partners bevorzugt über ihr jeweiliges Vertriebsnetz zu vertreiben. In der Sachversicherung wurde schon bisher kooperiert.

Das Vertragswerk wurde im Anschluss an die Beschlüsse in den Aufsichtsräten der beiden Häuser von den Generaldirektoren Andreas Treichl (Erste Bank) und Günter Geyer (Vienna Insurance Group) unterschrieben. Die Städtische holt sich dafür und für weitere Zukäufe im Osten frisches Geld über 1,2 bis 1,4 Mrd. Euro: junge Aktien werden für bis zu 1 Mrd. Euro emittiert, die Städtische-Hauptaktionärin zieht dabei mit und bleibt bei rund 70 Prozent. Ein paar hundert Millionen holt sich die Versicherung via Hybrid-Emission.

Mit dieser Transaktion stellten Erste Bank und Wiener Städtische "unter Beweis, dass es für eine langjährige und ausgezeichnete Kooperation zwischen unabhängigen Partnern keiner nennenswerter eigentumsrechtlicher Verbindungen bedarf", erklärte Erste-Chef Treichl in einer Mitteilung.

Finanzziele bleiben unverändert
Der Preis der Transaktion entspreche mit 1,445 Mrd. Euro einem Preis-Prämienverhältnis von 1,2x für 2007. Auf Basis der Bewertung von 100 Prozent an den Gesellschaften ergäbe sich ein Kaufpreis von 1,6 Mrd. Euro. Der Nettoertrag werde in der Erste Bank zur Stärkung der Eigenkapitalbasis verwendet. Die Kernkapitalquote werde so um rund 70 Basispunkte steigen. Die Finanzziele für 2008 und 2009 blieben - ohne Berücksichtigung dieser Transaktion - unverändert, ergänzte die Bank am Abend.

Für die Erste Bank-Bilanz schlägt sich der Deal folgendermaßen in Zahlen nieder: Der auf Konzernebene ergebniswirksame Nettoeffekt (nach Steuern und Minderheiten) beträgt nach Bank-Angaben knapp eine Milliarde Euro. Dieser Wert berücksichtige die bestehenden Buchwerte der einzelnen Gesellschaften. Die ebenfalls inkludierte Vertriebsprämie werde über die Laufzeit von 15 Jahren abgegrenzt, hieß es. Daher werde für das Jahr 2008 ein positiver Beitrag von über 600 Mio. Euro zum Jahresüberschuss der Erste Bank erwartet.
Der Ertrag aus dem Verkauf der lokalen Versicherungstöchter sowie aus dem Abschluss der Vertriebsvereinbarungen werde in die Ergebnisrechnung der lokalen Verkäuferbanken fließen.

Wechsel der Versicherungen
Folgende Versicherungen wechseln in den Konzern der Städtischen:
- Die s Versicherung (Sparkassen Versicherung AG) ist die zweitgrößte österreichische Lebensversicherung. Das jährliche Prämienaufkommen (verrechnete Bruttoprämie) in Österreich betrug 2007 rund 808,5 Mio. Euro.
- Die viertgrößte Versicherung in Tschechien, Pojistovna Ceske sporitelny, a.s. (PCS), die zu 55,25 Prozent der Erste-Tochterbank Ceska Sporitelna und zu 44,75 Prozent der s Versicherung gehört, hatte 2007 ein Prämienaufkommen von 232,9 Mio. Euro.
- Die neuntgrößte Versicherung der Slowakei, die Poistovna Slovenskej sporitelne, a.s., gehört zu je einem Drittel Erste Bank, Slovenska Sporitelna-Bank sowie s Versicherung. Jährliches Prämienaufkommen: 24,8 Mio. Euro.
- Mit Prämien von 8,9 Mio. Euro ist die kroatische Erste Sparkassen osiguranje d.d. za zivotno osiguranje, Nummer 12 im kroatischen Lebensversicherungsmarkt. Sie gehört zu 26 Prozent der Erste Bank Croatia und zu 74 Prozent der s Versicherung.
- Ganz der s Versicherung gehört in Ungarn die Erste Sparkassen Biztosito Zrt. Prämien 2007: 36 Mio. Euro.
- In Rumänien hatten die BCR-Töchter BCR Asigurari de Viata und BCR Asigurari 2007 Prämienvolumina von 24,8 Mio. Euro (Leben) bzw. 155,1 Mio. Euro (Sach).

Sattes Plus
Die Aktien der Vienna Insurance Group (VIG) haben im Frühhandel nach der geplanten Übernahme der Versicherungsaktivitäten der Erste Bank um vier Prozent auf 48,50 Euro nachgegeben. VIG-Papiere gingen am 26. März mit einem Minus von mehr als vier Prozent aus dem Handel. Erste Bank-Titel starteten mit einem satten Plus von gut sieben Prozent auf 40,16 Euro.

(apa/red)

27.3.2008 09:47