Mittwoch, 26. März 2008

Erneute Proteste in chinesischer Provinz: Hartes Durchgreifen gegen Demonstranten

  • Internationale Debatte um Olympia-Boykott hält an
  • Ausländische Journalisten wieder im Krisen-Gebiet

Die chinesischen Behörden greifen in Tibet und angrenzenden Provinzen nach Berichten aus der Region weiter hart gegen Demonstranten durch. Informanten berichteten von erneuten Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Die internationale Debatte um einen politischen Boykott der Olympischen Spiele in Peking dauerte unterdessen an.

In der Provinz Qinghai beteiligten sich nach Angaben eines Gewährsmannes hunderte Menschen an einem Sitzstreik, nachdem paramilitärische Einheiten sie an einem Protestzug gehindert hatten. "Sie verprügeln Mönche, und das wird die Menschen nur aufbringen", sagte die Quelle. Ein Bewohner der Gegend im Bezirk Xinghai bestätigte den Vorfall und sagte, die 200 bis 300 Demonstranten seien nach einer halben Stunde auseinandergetrieben worden.

Angriffe auf tibetische Mönche
Chinesische Sicherheitskräfte hätten nach exil-tibetischen Angaben zudem in Luhuo in der Provinz Sichuan das Feuer auf demonstrierende Mönche und andere Tibeter eröffnet. Rund 400 Mönche hätten dort gegen den Tod eines 18-jährigen Tibeters protestiert, der am Vortag durch Schüsse der paramilitärischen Polizei ums Leben gekommen sei, berichtete am Mittwoch das exil-tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) aus Indien.

Aufruf zu Olympia-Boykott wird lauter
Unterdessen ermutigte der französische Außenminister Bernard Kouchner indirekt die Sportler zu Solidaritätsbekundungen mit Tibet während der Olympischen Spiele in Peking. "Erinnern Sie sich an die erhobene Faust der schwarzen Sportler bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968", sagte Kouchner der Zeitung "Le Parisien". "Das Bild ist um die Welt gegangen. Ich beobachte mit Interesse alle Initiativen vor und während der Spiele."

Die belgische Regierung schloss einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking nicht aus, falls sich die Lage in Tibet weiter verschlechtern sollte. Ein Boykott sei derzeit zwar keine Option, "aber wir können das Schlimmste nicht ausschließen", erklärte der stellvertretende belgische Ministerpräsident Didier Reynders in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Zeitung "Le Soir". Australien warnte unterdessen vor einem Boykott. Dies sei "nicht vernünftig", sagte Außenminister Stephen Smith am Mittwoch.

"Beleidigung des chinesischen Volkes"?
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erwägt indes als erster Staatschef seines Landes ein Treffen mit dem Dalai Lama. Das Exil-Oberhaupt der Tibeter hält sich während der Olympischen Sommerspiele in Frankreich auf. Sarkozy werde seine Entscheidung, den Dalai Lama dann zu empfangen, von der Entwicklung der Lage in Tibet abhängig machen, sagte sein Sprecher Luc Chatel.

Auf scharfe Kritik stieß in China unterdessen der Vergleich des früheren britischen Verteidigungsministers Michael Portillo der bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking mit denen von 1936 im nationalsozialistischen Berlin in einem Beitrag für die "Sunday Times". Dieser Vergleich sei eine "Beleidigung des chinesischen Volkes und eine Beleidigung für jede Nation der Welt", erklärte Außenamtssprecher Qin Gang. "Die Olympische Fackel leuchtet auf die dunkle und verachtenswerte Psychologie einiger Leute", sagte Qin.

Die US-Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton forderte die US-Regierung zu einem entschlosseneren Auftreten gegen Chinas Vorgehen in Tibet auf. Die USA dürften ihre Haltung nicht erst bei den Olympischen Sommer im Sommer deutlich machen.

Konstruierte Offenheit
Nach chinesischen Regierungsangaben haben sich inzwischen mehr als 600 Menschen den Behörden gestellt. Die Polizei veröffentlichte einen Fahndungsaufruf gegen 53 mutmaßliche Rädelsführer. Bisher seien 29 Personen formell in Haft genommen worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua weiter.

China hat zum ersten Mal seit Beginn der Unruhen in Tibet vor zwei Wochen wieder ausländische Journalisten in das Gebiet gelassen. Ziel der Reise schien es vor allem zu sein, den Journalisten zu zeigen, dass sich das Leben in Tibet normalisiert habe. Es war jedoch unklar, wie viel Bewegungsfreiheit die 26 Journalisten bei der zweitägigen organisierten Reise haben. (apa/red)

26.3.2008 15:32