Mittwoch, 19. März 2008

'Sein letzter Tango' - VP-Clubchef Schüssel

  • In der Partei regt sich Kritik gegen seinen Kurs

Der VP-Klubchef setzt auf Neuwahlen. In der Partei regt sich nun Kritik gegen seinen Kurs.

Er halte sich derzeit „sehr bedeckt“. Er will „un­bedingt Neuwahlen“. Er ist „längst zurückgerudert und steht jetzt auf der Bremse“. Das sind nur drei Einschätzungen über die Position eines einzelnen Mannes, die dieser Tage über Wolfgang Schüssel in der ÖVP erzählt werden. Ein Teil der Partei – die Bewunderer des einstigen schwarzen Kanzlers und nunmehrigen VP-Klubchefs – will seinem Weg bedingungslos folgen. Sie berichten, dass Schüssel unmittelbar nach Alfred Gusenbauers Forderung, die Steuersenkung auf 2009 vorzuziehen, in Neuwahlen gehen wollte. Ein anderer Teil der ­Partei – jene, die den zu starken Einfluss des leidenschaftlichen Spielers kritisieren – zeichnet ein differenzierteres Bild. Er wolle „aus Rache die ganze ­Partei in Wahlen treiben – mit unsicherem Ausgang“, behaupten die einen. Er sei „zu feige und zittere um seinen Job“, behaupten hingegen die anderen. Wie auch immer.

Scharfe VP-Kritik an Schüssel. Schüssel hat es jedenfalls wieder geschafft, die halbe Republik zu beschäftigen. Tatsächlich dürfte der schwarze Klub­obmann nach wie vor für ­rasche Neuwahlen sein, sich aber nach immer größer werdender Kritik in den eigenen Reihen immer bedeckter halten. Schließlich sind es mittlerweile viele der eigenen Partei­freunde, die ihm – noch – hinter vorgehaltener Hand vorwerfen, der „ÖVP zu schaden und uns sämtliche Optionen zu rauben. Alle anderen misstrauen ihm.“ Ein ÖVP-Abgeordneter wagt sich bereits jetzt aus der Deckung: Ferdinand Maier, der schon vor über einem Jahr mit seinem Sager des „Hände falten und Gosch’n halten“ über Wolfgang Schüssels Führungsstil für Aufregung gesorgt hatte. Im NEWS-Interview bestätigt er, dass er in einer VP-Klub­sitzung vor zehn Tagen scharfe Kritik an Schüssel geübt hatte: „Er sollte nicht nur Vergangenheitsschutz betreiben“ (siehe ­Interview nächste Seite).

Schlechtes Image. Tatsächlich polarisiert Schüssel, wie es einst nur Jörg Haider geschafft hatte. Die zögerliche Haltung der Opposition, einen VP-Neuwahlantrag zu unterstützen, hängt vor allem mit ihm und seinem Image zusammen. Immer wieder heißt es, er sei „ein Trickser“ (BZÖ-Gründer Haider), einer, der „seine Partner verschlingt“ (FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache) und vor allem jemand, mit dem „wir sicher nicht koalieren können“ (Grünen-Vizechefin Eva Gla­wisch­nig). Ein Image, das ihn nun eben auch parteiintern immer stärker in Bedrängnis bringt. Denn die großkoalitionären Kräfte in der ÖVP machen vor allem ihn für die ewigen Streitereien in der rot-schwarzen Regierung verantwortlich. Aber, so warnt Maier eindringlich: „Er muss wissen, dass kaum ­einer Wahlen will: die meisten VP-­Länderorganisationen nicht, der Großteil des VP-Klubs nicht und auch die meis­ten Bünde nicht.“

Seine parteiinternen Kritiker hoffen darauf, dass er in Bälde einen Topjob in der EU einnehmen werde und „endlich Platz für einen Generationswechsel mache. Derzeit hat das Lieblingsfeindbild der Roten freilich kaum Lust darauf, seinen Platz im VP-Klub zu räumen. Im Gegenteil: Schon seit Wochen besucht Schüssel die VP-Länderorganisationen, um sie auf seinen scharfen Anti-SPÖ-Kurs einzuschwören. Der gläubige Katholik, der seit über 25 Jahren im Sommer immer wieder ins Stift Sekau einkehrt, um dort zu meditieren und über den Aristotelischen Tugendbegriff zu debattieren, hat schließlich noch eine Mission. Er will den Weg, den er in den Jahren seiner Kanzlerschaft eingeschlagen hat, fortgesetzt wissen. Um das zu erreichen, ist der Mann, der nach dem benediktinischen Leitsatz „aequo et animo“ (Gleichmut und Gelassenheit) zu leben versucht, zu vielem bereit. Dafür nimmt er auch die vielen Anfeindungen in Kauf, und dafür spielt er nun wohl auch den bislang riskan­tes­­ten Poker seines Lebens: Denn sollte er seinen lang­jährigen Ver­trauten, VP-Chef Wilhelm Molterer, tatsächlich in vorgezogene Neuwahlen füh­ren, trägt er das Haupt­risiko, sind sich seine Vertrauten einig. Denn es ist nicht nur der unsichere Wahlausgang allein, der Schüssels Spiel zum größten Hasard macht, es ist auch die mangelnde Zustimmung der eigenen Parteifreun­de, die seinen Weg wagemutig erscheinen lässt. Mächtige VP-Landesorganisationen wie Niederösterreich und Oberösterreich wollen von einem vorgezogenen Urnengang derzeit schließlich nichts wissen. Und auch die Wirtschaftskammer, der Bauernbund und weite Tei­le des VP-Klubs wollen ihrem einstigen Hirtenhund den Gehorsam dieses Mal verweigern. Nervös wirkt jener Mann, von dem Vertraute erzählen, dass er sehr wohl aufbrausend und launisch sein könne, derzeit trotzdem nicht. Das mag auch daran liegen, dass er dem politischen Sensenmann schon mehrmals erfolgreich davongelaufen ist. Und so sagt er denn auch selbst: „Ich habe neun Leben, mich bringt keiner so schnell ums Eck.“ Auch einer seiner Kritiker warnt davor, ihn schon geschlagen zu sehen: „Er war immer schon ein Meister darin, sich als wundersamer Stratege zu verkaufen und uns vor vollendete Tatsachen zu stellen.“

Die ganze Story finden Sie im aktuellen NEWS-Magazin

19.3.2008 17:07