"Karibik"-Kiste aus Flöttl-Keller im Gericht: Stellungnahmen zu OeNB-Bericht enthalten
- BAWAG-Sondererträge in Milliarden-Schilling-Höhe
- Elsner versicherte: "Hatte mit Briefen nichts zu tun"
Die "Karibik-Kisten" standen weitgehend im Mittelpunkt des BAWAG-Prozesses. Am 82. Verhandlungstag zitierte Richterin Claudia Bandion-Ortner aus Briefen, die man in den Kisten im Keller des früheren BAWAG-Generaldirektor Walter Flöttl gefunden hatte. In Schreiben aus dem Jahr 1994 an das Justizministerium und an die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) verweist Flöttl sen. auf die Sondererträge in Milliardenhöhe, die die Bank durch die Offshore-Geschäfte mit seinem Sohn Wolfgang erwirtschaftet habe. Dies habe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG errechnet.
In einem Brief an Generalanwalt Christoph Mayerhofer vom Justizministerium drängen die Anwälte von Flöttl sen. auf Einstellung der Ermittlungen gegen den Bank-Chef, die aufgrund einer anonymen Anzeige aufgenommen wurden. Tatsächlich wurden die Ermittlungen auch eingestellt. Im Brief an die Nationalbank wird auf Sondererträge durch die Sondergeschäfte verwiesen. In die Erträge werden auch die vermiedenen Wertberichtigungen für die von Flöttl jun. übernommenen Russland-Forderungen einberechnet.
Während die Bank also auf die Profitabilität der Karibik-1-Geschäfte verwies, gab Flöttl jun. selber im Prozess an, er habe aus den 1994 beendeten Geschäften hohe Verluste erlitten, die genaue Höhe des Verlusts wisse er aber nicht mehr. Richterin Bandion-Ortner gab ihm nun über Ostern die "Hausaufgabe" auf, den Verlust aus der Übernahme der notleidenden Russland-Forderungen der BAWAG zu errechnen und zu beziffern.
Karibik-Kisten am Richtertisch
Am nächsten Dienstag will die Richterin weitere Dokumente aus den Karibik-Kisten vorlesen. Eine der Kisten prangte am Richtertisch, die Verteidiger konnten Einsicht in die darin enthaltenen Dokumente nehmen. Bei der Kiste handelte es sich um eine schlichte Pappkarton-Schachtel im A4-Format, mit breitem Klebeband umwickelt und der schwarzen handschriftlichen Aufschrift "KARIBIK".
Hackl im Zeugenstand
Eigentlicher Tagesordnungspunkt war die Einvernahme von Ex-BAWAG-Treasurer Thomas Hackl, der bereits zum vierten Mal als Zeuge vernommen wurde. Hackl gilt als Schlüsselfigur in der Durchführung der Flöttl-Geschäfte. Er selbst betonte erneut, erst im Herbst 2005 von den Verlusten überhaupt erfahren zu haben. Hackl ist vermutlich der letzte Zeuge in dem Verfahren, weitere Zeugen sind nicht mehr geladen.
Intensiv wurde auch erörtert, warum die Krise um den US-Hedge-Fonds Long Term Capital Management (LTCM) bei der BAWAG nicht zu Sorge um die Flöttl-Investments geführt habe. Flöttl war ähnlich wie der LTCM-Fonds mit großen Fremdfinanzierungsanteilen (Hebel) investiert. Er habe nur ein halbes Prozent seiner Aufmerksamkeit den Flöttl-Geschäften gewidmet, meinte Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner dazu. Ex-BAWAG-Vorstand Christian Büttner betonte, er habe über die Details der Flöttl-Veranlagungen nichts gewusst.
Nach den Osterfeiertagen geht der Prozess mit Gutachter Fritz Kleiner weiter. Der Sachverständige wird neue Fragen zu seinem bereits Mitte Jänner präsentierten Gutachten beantworten.
(apa/red)

