Mittwoch, 19. März 2008

US-Bankenkrise schürt weiter Crash-Angst: Notverkäufe & Geldspritze der US-Notenbank

  • Währungsfonds: Krise ernster und globaler als zuletzt
  • Vermehrte Spekulationen um Notenbanken-Aktionen

Die Finanzmarktkrise in den USA erschüttert die Weltmärkte: Mit einem Notkauf in letzter Sekunde bewahrte die US-Bank JPMorgan Chase den taumelnden Konkurrenten Bear Stearns vor dem Untergang. Wie schlimm es um Bear Stearns stand, zeigt der extrem niedrige Kaufpreis von nur zwei Dollar je Aktie - das ist ein Preis von knapp mehr als 200 Mio. Dollar. An der beispiellosen Finanzspritze für Bear Stearns beteiligte sich auch die US-Notenbank, die Risiken von bis zu 30 Mrd. Dollar übernahm.

Zudem senkte die Fed den Diskontsatz von 3,5 auf 3,25 Prozent und drehte damit den Geldhahn weiter auf. Analysten sprachen von einer "Notoperation". Die britische Zentralbank stellte 5 Mrd. Pfund zur Verfügung. Die Anleger werteten die Maßnahmen der Notenbanken als Krisensignal: An den Handelsplätzen in Fernost und Europa kam es zu teils panikartigen Verkäufen, der Dollar fiel auf ein Allzeit-Tief. Der Dow-Jones-Index konnte seine anfänglichen Verluste zunächst wieder wettmachen.

IWF schlägt Alarm
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlug Alarm: "Die Finanzmarktkrise ist ernster und globaler als noch vor wenigen Wochen", sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. "Die Risiken und Gefahren sind sehr hoch." US-Präsident George W. Bush versicherte, seine Regierung habe die Situation im Griff. Auch die Bundesregierung versuchte zu beruhigen.

Die großen Probleme in den USA würden auf andere Volkswirtschaften übergreifen und eine "globale Antwort" notwendig machen, sagte IWF-Chef Strauss-Kahn auf einer OECD-Konferenz in Paris weiter. Sowohl der IWF als auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung würden ihre Wachstumsprognosen für Nordamerika nach unter korrigieren.

Chefvolkswirte von Großbanken fanden lobende Worte für die US-Notenbank: "Die Fed fährt eine sehr klare, konstante Linie. Sie versucht zu verhindern, dass aus der Krise eine Panik wird", sagte der Chefvolkswirt von Allianz/Dresdner Bank, Michael Heise.

Woche der Wahrheit
Mit den Turbulenzen startet der hochnervöse Finanzsektor in eine Woche der Wahrheit: Gleich von drei große US-Finanzinstitute legen Zahlen für das erste Quartal vor. Goldman Sachs und Lehman Brothers sind angekündigt, außerdem Morgan Stanley.

Eingriff der großen Notenbanken?
Die ungebremste Talfahrt des Dollar nährt indes auch wieder Spekulationen über einen bevorstehenden Eingriff der großen Notenbanken am Devisenmarkt. Der Euro erreichte am Montag zur US-Währung mit 1,5904 Dollar ein Rekordhoch und zeigte im Handel erhebliche Kursschwankungen. Im Vergleich zum japanischen Yen fiel der Dollar auf den tiefsten Stand seit 13 Jahren.

Wahrscheinlichkeit für Devisenmarkt-Intervention größer
Großbanken wie die amerikanische Citigroup oder die schweizerische UBS sehen die Wahrscheinlichkeit für eine Devisenmarkt-Intervention steigen. Ein Fondsmanager der japanischen Daiwa SB Investment sagte: "Die Zeit ist reif für eine koordinierte Intervention durch die zuständigen Stellen in den USA, Europa und Japan." Der Internationale Währungsfonds sieht dafür allerdings noch keinen Bedarf, wie IWF-Chef Strauss-Kahn betonte. Die Europäische Zentralbank (EZB) ließ sich wie gewohnt nicht in die Karten gucken. Über Interventionen werde nie vorher, sondern immer erst danach geredet, sagte Ratsmitglied Klaus Liebscher.

Die Erfolgsaussichten eines Eingriffs am Devisenmarkt gelten unter Fachleuten ohnehin als umstritten. Und ohne eine Beteiligung der amerikanischen Fed könnte der Dollar auch nicht den nötigen Rückenwind erhalten. Doch genau an der Bereitschaft der mächtigsten Notenbank der Welt zweifeln manche Experten. "Die USA brauchen einen schwachen Dollar, warum sollten die dabei mitmachen?", sagte etwa Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer "Der Konsens der Zentralbanken diesseits und jenseits des Atlantiks ist nicht da." Der vor einer Rezession stehenden weltgrößten Volkswirtschaft komme der schwache Dollar schließlich gelegen, weil er amerikanische Waren in Übersee verbilligt und damit das Exportgeschäft ankurbelt. Zugleich erschwert er ausländischen Anbietern das Geschäft in den USA.

Mit Blick auf die US-Wirtschaft und anhaltende Verwerfungen an den Finanzmärkten halten andere Experten eine Beteiligung der Fed an einer Intervention zugunsten des Greenback aber für möglich. "Die Fed ist an einem Punkt angelangt, an dem sie zumindest darüber nachdenkt", sagte der Europa-Chefvolkswirt der Bank of America, Holger Schmieding. Senke die Fed ihren Leitzins auf ihrer Sitzung am Dienstag wie von einigen Beobachtern erwartet kräftig von 3auf 2 Prozent, stiegen danach die Erfolgsaussichten für eine Beteiligung der US-Notenbank, glaubt er. Schließlich habe die Fed den größten Teil ihrer Zinssenkung dann hinter sich, womit der Zinsvorsprung der Euro-Zone zu den USA nicht mehr signifikant steigen dürfte. Diese Zinsdifferenz gilt als Hauptgrund für die rasante Aufwertung des Euro. Derzeit liegt der Leitzins der EZB mit vier Prozent um einen Punkt höher, was Anleger anlockt und die Gemeinschaftswährung stärkt.

(apa/red)

19.3.2008 12:02