Samstag, 22. März 2008

Nervenkrieg um Geiselbefreiung beginnt: Gaddafi als Retter in der Not eingeschaltet

  • NEWS: Lösegeldforderung steht im Vordergrund
  • PLUS: Österreichische Exgeiseln erzählen Erlebnisse

Der Name steht ganz oben auf der handschriftlichen Liste: Abderrezak El Para. Das Dokument erreicht am Wochenende die österreichische Botschaft in Algerien. Der Inhalt: die Bedingungen für die Freilassung der beiden österreichischen Geiseln von „al-Qaida im Mahgreb“, Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber. Abderrezak El Para und zehn weitere Terroristen, die in algerischen Gefängnissen sitzen, sollen freigelassen, und - höchstwahrscheinlich - Lösegeld von mehreren Millionen Euro muss bezahlt werden. Sonst „sterben die Österreicher“, heißt es. Experten mutmaßen, dass Letzteres - Geld - die Geiselnehmer am dringendsten brauchen und es deshalb im Vordergrund der Verhandlungen steht.

Derzeit gilt der Aufenthalt der Geiseln im Norden Malis als wahrscheinlich. Diese Region gilt - jenseits der Staatsgrenzen - als fast unumschränkte Spielfläche von Al-Qaida-Terroristen. Zuletzt musste auch die Rallye Paris-Dakar, die durch diese Region führt, aus Sicherheitsgründen abgesagt werden.

Gaddafi in Suche involviert
"Die Tatsache, dass die österreichischen Experten nach Bamako in Mali gereist sind, um von dort aus ihre Bemühungen um die Freilassung aufzunehmen, ist für die Einbindung der Verantwortlichen in Tunesien und Algerien sehr hilfreich", zitiert die Zeitung "Echorouk" hochrangige algerische Sicherheitsbeamte. Im Klartext: Egal, wo sich die Geiseln derzeit wirklich aufhalten, Algerien und Tunesien wollen ihre Glaubwürdigkeit im Anti-Terror-Kampf nicht aufs Spiel setzen und sind äußerst froh darüber, dass sich die Aufmerksamkeit auf Mali verlagert hat. Hier, von der französischen Botschaft in der Hauptstadt Bamako aus, läuft auch der Funkkontakt mit den Geiselnehmern. Eingeschaltet wurde auch der libysche Staatschef Muammar Gaddafi, dessen Vertretung in Bamako den Draht zu den Entführern hergestellt hat. Direkt involviert dürfte aber sein Sohn Saif Gaddafi und dessen Wohltätigkeitsorganisation sein. Bereits bei der Entführung von deutschen Urlaubern in Jolo im Jahr 2000 und auch 2003 hat diese Organisation verhandelt und auch die Lösegelder überwiesen. 2003 waren es fünf Millionen Euro. Ein Betrag, der offiziell nie bestätigt wurde.

Verzweifelte Suche in der Wüste
Doch die Verhandlungen dürften sich heuer ein wenig schwieriger gestalten: 2003 hielt der Tuareg-Führer Iyad ag Ghali den direkten Kontakt zu den Entführern. Er galt als wichtigster Emissär. Ag Ghali ist ein alter Bekannter des Gaddafi-Clans, da er in den 1990ern als Söldner in einer libyschen Sondereinheit kämpfte. Im Gespräch mit NEWS bestritt er aber, diesmal involviert zu sein: "Ich möchte mit den Entführern nichts zu tun haben."

Tuareg gegen Islamisten
Hintergrund: Im Norden Malis, im Grenzgebiet zu Algerien und Mauretanien, haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Islamistengruppen verschanzt. Die dort lebenden Tuareg-Stämme waren lang faktisch unbehelligt. Vor einem Jahr allerdings flammten Kämpfe zwischen Tuareg und Islamisten auf. Gleichzeitig legte die Regierung Malis ihren dort tobenden Bürgerkrieg mit den Tuareg bei und gewährte ihnen Autonomie.

Im Gegenzug dazu nimmt hier die Armee - wie in vielen anderen nordafrikanischen Staaten - mithilfe von Sondereinheiten der US-Armee den Kampf gegen die Terroristen auf. Schon 2004 wurde im US-Verteidigungsministerium erklärt, dass die schwer zugängliche Wüstenregion Nordafrikas zu einem neuen Afghanistan werden könnte. Auch europäische Staaten haben ihre Geheimdienste in der Region in den vergangenen Jahren so dezent es ging aufgerüstet. Wie verwundbar die westliche Welt freilich bleibt, illustriert das Geiseldrama der Österreicher. Und wie effektiv dieses Netzwerk ist, könnte der Ausgang des Dramas bald zeigen.

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22.3.2008 07:29