Experten-Talk: Der große NEWS Skigipfel
- Assinger, Dorfmeister, Stangassinger & Strobl

Armin Assinger zieht mit den Olympiasiegern Dorfmeister, Stangassinger und Strobl Bilanz der Weltcupsaison.
Über 30 schwere Verletzungen mit dem folgenschweren Sturz von Matthias Lanzinger in Kvitfjell als negativem Höhepunkt: Der alpine Skiweltcup und der Internationale Skiverband FIS stehen am Ende dieses Winters schwer unter Kritik. NEWS-Kommentator Armin Assinger hat die drei Olympia- und Weltcupsieger Michaela Dorfmeister, Thomas Stangassinger und Fritz Strobl auf der Salzburger Steinterrasse an einen Tisch gebeten, um über die Lage des Skisports zu reden.
Assinger: Über den Fall Lanzinger wurde viel gesagt. Was ist eure Meinung? Wie kann man Rennen sicherer machen?
Stangassinger: Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Der Skisport ist eben riskant. Aber die Sicherheitsvorschriften sind leider auch nur wischiwaschi.
Strobl: Als Skifahrer weiß man gar nicht, ob die medizinische Versorgung gegeben ist. Damit setzt man sich gar nicht auseinander. Ziel ist ja, dass man so schnell wie möglich runterfährt. Die Sicherheit ist Sache der Mannschaftsführung.
Assinger: Es gibt aber eine Checkliste. Und da gehört
die Sicherheitsfrage einfach mit aufgenommen.
Stangassinger: Ein Standard muss festgelegt werden.
Assinger: Und wenn dieser nicht erfüllt wird, sollte einfach nicht gefahren werden.
Dorfmeister: Genau da liegt das Problem: Wenn einer nicht fährt, sehen andere ihren Vorteil. Das ist das Problem einer Läufergewerkschaft. Du hast keine Chance, weil eine oder einer sagt immer: Ich fahre.
Strobl: Da müssen die alten Rennläufer so weit sein, dass sich zwei, drei zusammentun und handeln. Da müsste eben einer Zeit und Gedanken dafür opfern. Die Arrivierten haben ja auch eine Verantwortung dem ganzen Haufen gegenüber.
Stangassinger: Jede Nation sollte einen Läufer stellen, der sich einbringt.
Assinger: Und damit hast du einen ständigen Sicherheitsrat.
Stangassinger: Du weißt selber, Armin, diese Diskussionen hat es immer wieder gegeben.
Dorfmeister: Aber solange die Aktiven nichts zu sagen haben
Stangassinger: Aber warum haben sie nichts zu sagen?
Strobl: Weil sie nicht energisch genug sind. Ich habe mir, als ich noch gefahren bin, gedacht: Eigentlich müsstest du hergehen und der FIS schreiben: Ich möchte mir so eine Sitzung anschauen. Aber da das keiner tut, passiert auch nichts.
Assinger: Da müssen wir uns alle an der Nase nehmen.
Dorfmeister: Als Läufer vertraut man eben den Trainern, dass eh alles in Ordnung ist.
Strobl: Du hast aber die Athletenerklärung, und da steht, dass du selbst das Risiko übernimmst und du selber entscheidest, ob du fährst oder nicht. Das unterschreibst du dann.
Stangassinger: Immerhin hat Niki Hosp heuer einmal gesagt: Da fahre ich nicht, auch wenn das vielleicht den Weltcup entscheiden könnte.
Assinger: Das Risiko wird verdrängt. Wir haben alle genug erlebt und mit ansehen müssen. Und darum müssen offenbar andere für die Läufer die Entscheidung treffen. Selber zu sagen: Ich fahre nicht, ist die schwerste Entscheidung überhaupt.
Strobl: Die Rennen sind eben eine einzige Qualifikation und zwar von Kindheit an.
Assinger: Was aber kann sich ändern? Die Rennanzüge?
Strobl: Über dickere Anzüge haben wir schon vor 15 Jahren diskutiert. Ich wäre dafür, da haben wir gleich fünf km/h weniger, das macht viel aus.
Stangassinger: Das wäre schnell umzusetzen und billig. Einen Millimeter breitere oder schmälere Ski bringen nichts.
Assinger: Ein dickerer Anzug liefert Wärme für die Muskulatur, und ich kann einen Schutz einarbeiten. Was kann man an den Rennstrecken ändern? Mein Ansatz ist: Das Sicherste wären breitere Pisten. Die bedeuten mehr Sturzraum, der bedeutet mehr Zeit zum Reagieren.
Dorfmeister: Auch mit der Kurssetzung kann man sicher viel einbremsen. Ich möchte aber noch etwas zum Thema Ärzte sagen. Wer kontrolliert denn, was für Ärzte mit dabei sind? Wir hatten einmal vonseiten des Skiverbandes drei Wochen einen Gynäkologen in Übersee mit. Der kennt sich beim Knie vielleicht auch aus, aber an anderen Stellen bestimmt besser.
Strobl: Viele Ärzte glauben ja, sie fahren mit uns auf Urlaub. Dorfmeister: Ich weiß auch von unseren Verbandsärztekoffern, dass viele Medikamente darin abgelaufen oder gar nicht mehr vorhanden sind.
Stangassinger: Es müsste ein eigener Verantwortlicher für den medizinischen Bereich her.
Assinger: Wir können nur hoffen, dass der Fall Lanzinger zum Umdenken animiert. Themenwechsel. Der Gesamtweltcup geht heuer nach Amerika. Hat das System ÖSV versagt?
Strobl: Die Verbandsführung hat ein Ziel, und das ist der Gesamtweltcup. Alles ist dem unterzuordnen. Umso überraschender, dass das außer Benni kein anderer drauf hat.
Assinger: In den Spezialweltcups sind wir auch nicht vorne.
Strobl: Das beste Beispiel ist unser junger Abfahrer Schönfelder. Dafür, dass er in der Abfahrt unter den 30 ist, hat er darauf verzichtet, dass er im Slalom und RTL gewinnt.
Stangassinger: Wenn ich heute eine Abfahrt fahre, morgen einen Slalom, ist es logisch, dass der Slalom darunter leidet.
Assinger: Heißt das, dass wenn man zu sehr auf die Allrounder setzt, eine Nivellierung nach unten erfolgt? Dass ich zwar in drei, vier Disziplinen um den 15. Platz fahre, aber keinen Siegläufer mehr habe?
Strobl: Ich als Abfahrer war immer ein Gegner der Allrounder. Sie werden gegenüber den Spezialisten bevorzugt, weil sie nicht die gleiche Leistung bringen müssen, um sich zu qualifizieren. Nun bekommen wir die Rechnung in der Abfahrt.
Dorfmeister: Bei uns sind die jungen Technikerinnen gekommen und haben gesagt: Ich würd auch gerne mal einen Super-G fahren. Und der Trainer hat gesagt: Okay, passt, fahr! Die anderen sind dann gestanden.
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