Tibetische Exilregierung befürchtet 80 Tote
in Lhasa: China weltweiter Kritik ausgesetzt
- China verstärkt Kontrollen entlang tibetischer Grenze
Bilder der Demos in Lhasa, Kathmandu & Neu Delhi - Dalai Lama spricht in Interview von "großer Sorge"

·Tibet: BILDER des blutigen Aufbegehrens
Solidaritästsproteste in Kathmandu und Neu Delhi
·Pressestimmen zu den Unruhen in Tibet
"Le Monde": Herrscher in
Peking müssen verstehen
·Unruhen in Tibets Hauptstadt Lhasa
INFOGRAFIK: Einmarsch Truppen Chinas 1950
·PORTRÄT: Friedlicher Kämpfer Dalai Lama
Nach Vertreibung seit Jahrzehnten im Exil
Bei den jüngsten blutigen Unruhen in Tibet sind nach Angaben der tibetischen Exilregierung 80 Menschen getötet worden. Weitere 72 Menschen wurden verletzt, wie ein Sprecher der in Dharamsala in Nordindien etablierten Exilregierung sagte. Das tibetische Exil-Oberhaupt, der Dalai Lama, drückte in einem BBC-Interview die Befürchtung aus, dass es zu noch mehr Blutvergießen in seiner von China besetzten Heimat kommen werde.
Die antichinesischen Proteste von Tibetern haben sich ausgeweitet. Einige Tausend Mönche und andere Tibeter demonstrierten nach Angaben von Exiltibetern in Aba (Ngaba) in der Provinz Sichuan (Szetschuan). Nach der morgendlichen Gebetsstunde im Amdo-Ngaba-Kirti-Kloster habe sich der Protest spontan formiert. Die Mönche hätten "Unabhängigkeit für Tibet" und "Lasst den Dalai Lama zurückkehren!" gerufen, berichtete das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie aus Indien. Die Mönche hätten auch die tibetische Flagge geschwenkt. Sofort seien chinesische Sicherheitskräfte auf das Gelände des 2800 Mönche zählenden Klosters gestürmt und hätten Tränengas eingesetzt, um die Proteste zu unterbinden. Das Kloster sei umstellt worden.
Bestätigte Meldungen von Toten
Ein Mitarbeiter des Dalai Lama, Tenzin Takhla, sagte, es seien 26 Menschen in der Nähe des Drapchi-Gefängnisses in der tibetischen Hauptstadt Lhasa getötet worden, drei weitere Leichen seien bei einer Moschee und mindestens zwei nahe dem Ramoche-Tempel gesehen worden. Fünf Mädchen seien in im zentralen Wohnviertel von Tibetern in Lhasa getötet worden. "Diese Berichte kommen von Verwandten, von unseren Leuten im Land und Kontakten unserer Sicherheitsabteilung", sagte Takhla. "Sie sind alle mehrfach bestätigt worden."
China verstärkt Grenzkontrollen
China hat nach Ausbruch der Unruhen die Kontrollen entlang der tibetischen Grenze zu Nepal verstärkt. Peking forderte die nepalesische Regierung auf, wachsam gegenüber Protestaktionen tibetischer Exilgruppen zu sein, wie der Leiter der nepalesischen Grenzbehörde mitteilte. Die Chinesen hätten darum gebeten, jeden Versuch protibetischer Gruppen zu unterbinden, die Grenze zu überschreiten.
Internationale Kritik an China
Nach den blutigen Protesten in der tibetischen Hauptstadt Lhasa steht die chinesische Führung weiter international in der Kritik. US-Außenministerin Condoleezza Rice rief China zu Zurückhaltung im Umgang mit Demonstranten auf. Die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) forderte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle in Tibet. In Washington, Berlin und anderen deutschen Städten wurde gegen die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Lhasa demonstriert. Die Lage in Lhasa, wo laut Augenzeugen angespannte Ruhe herrscht, heizte zudem die Debatte über einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking an.
"Wir appellieren an die chinesische Regierung, Zurückhaltung bei ihrer Reaktion auf diese Demonstrationen zu beweisen", erklärte Rice in Washington. Peking müsse alle in Tibet, die lediglich wegen ihrer Meinungsäußerungen inhaftiert worden seien, freilassen. Zugleich rief Rice alle Beteiligten zum Gewaltverzicht auf.
ai fordert unabhängige Untersuchung
ai erklärte in London, die chinesischen Behörden müssten eine unabhängige UN-Untersuchung über die Ereignisse der vergangenen Woche zulassen. Dafür hatte sich auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch stark gemacht.
Die Exil-Tibeter in Deutschland forderten, die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Peking zu überdenken. Der VDT-Vorsitzende Lhanzom Evelding sagte der "Bild am Sonntag": "Die ganze Welt muss jetzt darüber nachdenken, ob sie noch an den Spielen in China teilnehmen will. Das beste wäre, die Spiele in ein Land zu verlegen, in dem die Menschenrechte geachtet werden." Der Menschenrechtsbeauftragte der deutschen Bundesregierung Günter Nooke (CDU) wandte sich gegen einen Boykott der Spiele. Zugleich forderte er in der "BamS", China müsse "endlich einen weitgehenden Autonomiestatus für Tibet akzeptieren".
Stellungnahme des IOC
Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag", die Möglichkeiten seiner Organisation, Menschenrechte in China durchzusetzen, sei "sehr beschränkt". Er gehe aber davon aus, dass "gerade die internationale Aufmerksamkeit wegen Olympia eine friedliche Lösung in Tibet eher befördern" werde.
Dalai Lama fürchtet weiteres Blutvergießen in Tibet
Das tibetische Exil-Oberhaupt, der Dalai Lama, befürchtet noch mehr Blutvergießen in seiner von China besetzten Heimat. Dennoch erklärte der Friedensnobelpreisträger in einem Interview mit dem britischen Sender BBC seine Unterstützung für die Olympischen Spiele in Peking in diesem Sommer. Die Spiele seien immer noch eine Gelegenheit für Peking, Anerkennung für die Grundfreiheiten der Menschen zu demonstrieren, sagte der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, nach BBC-Angaben in seinem Exilort Dharamsala in Nordindien.
Allerdings habe er "große Sorge", dass die blutigen Auseinandersetzungen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa wieder aufflammen, sagte der Dalai Lama. Wenn die Regierung in Peking ihre Politik gegenüber Tibet nicht ändere, fürchte er, dass dort noch mehr Menschen umkommen. Er habe Berichte aus Tibet erhalten, wonach bei den Unruhen der letzten Tage bis zu hundert Demonstranten getötet wurden. Allerdings könne diese Zahl nicht überprüft werden.
Der 73-jährige Dalai Lama hat den chinesischen Machthabern wiederholt "eine Art kulturellen Völkermord" an seinen Landsleuten in Tibet vorgeworfen und dazu geraten, die bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking zum Anlass zu nehmen, erneut auf das Problem aufmerksam zu machen. Chinas kommunistische "Volksbefreiungsarmee" war 1950 in Tibet einmarschiert. Im März 1959, nach der blutigen Niederschlagung einer Volkserhebung, waren der Dalai Lama und die tibetische Regierung mit mehr als 100.000 Landsleuten nach Indien geflohen. Der Dalai Lama hatte Peking schwere Menschenrechtsverstöße in seiner Heimat vorgeworfen, unter anderem Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen, sowie "kulturellen Völkermord" durch massiven Bevölkerungstransfer. (APA/red)
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