Samstag, 15. März 2008

China will in Tibet hart durchgreifen: Peking
von internationalen Protesten unbeindruckt

  • Unterschiedliche Angaben über Zahl der Toten
    Bilder der Demos in Lhasa, Kathmandu & Neu Delhi
  • IOC gegen Boykott der Olympischen Spiele in Peking

China will offenbar ungeachtet der internationalen Proteste gegen die blutige Niederschlagung der Proteste in Tibet weiter mit Härte reagieren. Gegen die Demonstranten werde hart vorgegangen, erklärte der von Peking bestellte Vorsitzende der Regierung der autonomen Region Tibet, Qiangba Puncog (Champa Phuntsok). Touristen wurden angewiesen, Lhasa zu verlassen. IOC-Präsident Jacques Rogge sprach sich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking aus.

Die tibetische Exilregierung in Indien berichtete von mindestens 30 bestätigten Todesopfern, es könnten aber auch bis zu 100 sein, hieß es - zehnmal so viele, wie die amtlichen chinesischen Medien bestätigten. Die Zusammenstöße in Lhasa waren die schwersten seit 20 Jahren. UNO-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour forderte Peking auf, den Demonstranten ihr Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu gewähren und keine "exzessive Gewalt" anzuwenden. Eine Sprecherin von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte, dieser verfolge die Situation aufmerksam.

Aufforderung zum Dialog
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel rief angesichts der Unruhen zu Gewaltverzicht und Dialog auf. "Gewalt - egal von welcher Seite - führt zu keiner Lösung der offenen Fragen", erklärte Merkel. Sie forderte China zum Dialog mit dem religiösen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, auf. Die Schweiz verurteilte erneut Gewaltakte gegen Demonstranten in Tibet. Die Einhaltung der Menschenrechte sei von zentraler Bedeutung, betonte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

China macht Dalai Lama verantwortlich
China machte den Dalai Lama für die Unruhen verantwortlich. Ein Sprecher des tibetischen Exil-Oberhaupts wies die Anschuldigungen zurück. In einer in Dharamshala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung in Indien, veröffentlichten Erklärung äußerte der Dalai Lama seine tiefe Besorgnis und rief die Behörden dazu auf, auf Gewalt gegen die Demonstranten zu verzichten. "Diese Proteste sind ein Zeichen der tiefsitzenden Ablehnung des tibetischen Volkes gegen ihre gegenwärtige Regierung", hieß es in der Erklärung.

Aufstand 1959
Nach amtlichen chinesischen Berichten schlugen Demonstrationen buddhistischer Mönche zum Jahrestag der Niederschlagung des Aufstandes der tibetischen Bevölkerung gegen die chinesische Herrschaft 1959 am Montag in Gewalt um. Mindestens zehn Menschen seien getötet worden. Die Behörden in Tibet gaben den Demonstranten die Schuld am Tod "unschuldiger Menschen". Puncog sagte am Rande des Volkskongresses in Peking: "Wir haben nicht das Feuer eröffnet. Wir werden aber hart mit diesen Kriminellen umgehen, die diese Aktivitäten zur Spaltung der Nation ausführen." Allen Demonstranten, die sich bis Dienstag stellten, wurden mildernde Umstände in Aussicht gestellt.

Peking-Spiele gefährdet
Die Olympischen Sommerspiele seien durch die Unruhen nicht gefährdet, sagte ein Sprecher des Organisationskomitees BOCOG, Sun Weide. Auch der Fackellauf, bei dem das olympische Feuer auf den Mount Everest getragen werden soll, werde wie geplant stattfinden. IOC-Präsident Rogge erklärte, ein Boykott der Spiele würde nichts ändern und nur die Athleten bestrafen.

Massives Aufgebot in Lhasa
Der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge kehrte in Lhasa wieder Ruhe ein. Urlauber berichteten von einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften. Die gesamte Stadt sei regelrecht stillgelegt, berichtete ein 23-jähriger Ausländer. Ein weiterer Tourist, der Lhasa verließ, erklärte, binnen 24 Stunden seien rund 140 Lastwagen mit Soldaten in die Stadt gekommen. Ein chinesischer Geschäftsmann sagte telefonisch, die Lage "sieht aus wie unter dem Kriegsrecht". Die chinesischen Behörden wiesen Berichte zurück, wonach das Kriegsrecht verhängt worden sei. Mehrere chinesische Reiseveranstalter teilten aber mit, Reisen von Ausländern nach Tibet seien derzeit unmöglich.

Anderen Augenzeugenberichten zufolge sollen chinesische Sicherheitskräfte auch geschossen haben. In Lhasa seien trotz des massiven Sicherheitsaufgebots wieder Demonstranten auf die Straße gegangen, berichtete die Organisation Free Tibet Campaign unter Hinweis auf ein Interview des britischen Fernsehsenders ITV mit einem Ausländer in Lhasa. Es seien Schüsse zu hören gewesen.

Tränengas-Einsatz
In der westchinesischen Stadt Xiahe ging die Polizei mit Tränengas gegen Sympathisanten der demonstrierenden Mönche in Tibet vor. Augenzeugen zufolge zogen Hunderte Menschen vom Kloster Labrang nach Xiahe, die Gruppe griff Verwaltungsgebäude an. Nach Angaben der in London ansässigen Gruppe Free Tibet wurden 20 Menschen festgenommen.

(APA/red)

15.3.2008 19:19