Freitag, 7. März 2008

Primetime auf dem PC als TV-Alternative:
Fernsehsender entdecken nun das Internet

  • So sollen die Kassen des Werbegeschäfts klingeln
  • FORMAT: Video on Demand kommt nach Europa

Der Trend, Fernseh-Content auch übers Internet anzubieten und damit dem Vordringen von PC und Notebook in alle Lebensbereiche zu entsprechen, findet sich zunehmend auch in Europa. Seit Anfang 2007 bietet unter anderem RTL im Rahmen des Internetdienstes "RTLnow" eine Mischung aus kostenpflichtigen und kostenlosen Produktionen zur Ansicht im Windows-Media-Format. "Als Konkurrenz zum herkömmlichen TV betrachten wir das Angebot nicht, es ist eher eine Ergänzung", erklärt RTL-Interactive-Sprecher Andreas Hahm-Gerling.

Dem Sender sei daran gelegen, Zuseher zu bedienen, die eine Folge verpasst hätten und diese - oft noch am selben Abend - nachholen wollten. In Summe sind 2.200 Stunden an bewegten Bildern in TV-Qualität verfügbar. "Bauer sucht Frau" lässt sich gratis ansehen, eine Folge "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" kostet einen Euro, aus den USA zugekaufte "CSI"-Sendungen 1,99 Euro. Ob die Zuseher tatsächlich nur Verpasstes nachholen oder sich komplett ins Internet verlegen, lässt sich noch nicht abschätzen. Die Nutzerzahlen von "RTLnow" können sich jedenfalls sehen lassen: Seit Jänner 2008 zählte man "über elf Millionen Videoabrufe", so Hahm-Gerling. RTL ist damit nicht allein. Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle zählt inzwischen 62 solcher Dienste im Internet.

Anders als die Musikindustrie, die seit dem Boom von Napster und Konsorten dem Internet nicht mehr so recht traut, versuchen die TV-Anstalten dem vermeintlichen Feind ins Auge zu blicken. Dass man dabei auf lukratives Business stößt, kommt freilich nicht ganz unerwartet. "Man muss bereit sein, traditionelle Geschäftsmodelle zur Seite zu schieben, um den Konsumenten zu erreichen", kommentierte Disney-CEO Bob Iger den Marktstart des Web-basierten TVs sei- ner Konzerntochter ABC. Entscheidend dabei war, die werbestarke Primetime nicht zu gefährden. Was, wenn die Zuseher ihre Abende plötzlich nicht mehr vor dem Fernseher verbringen und ihre Lieblingsserien nur noch via Computer konsumieren?

ABC gab bald Entwarnung. So sah Albert Cheng, Vice President für Digital Media bei der Disney-ABC Television, rasch bestätigt, dass das Internetangebot "die Zuseherzahlen des linearen Fernsehens nicht kannibalisiert". Veritable Festtagslaune machte sich schließlich breit, als man die neuen Pfründe für Werbeeinnahmen zu vermessen begann: Laut einer Erhebung der Marktforscher von Frank N. Magid Associates konnten sich ganze 84 Prozent der Internetzuseher an die Sponsoren der jeweiligen Sendungen erinnern - Zahlen, von denen Werber im klassischen Fernsehen träumen.

"Sehr erfolgreiche Werbung im Online-Bereich", bestätigt auch Thomas Prantner, Direktor Online & Neue Medien beim ORF. Das Internet-TV-Angebot des Senders beschränkt sich derzeit zwar noch auf Nachrichtensendungen wie "ZiB" und "Bundesland Heute", doch das soll bald nicht mehr alles sein. Ab Mitte des Jahres plant der ORF über eine neue Internetseite 30 Sendungen auf Zuruf, im Fachsprech "on demand", anzubieten. Die Einschränkung auf 30 ergibt sich laut Prantner durch die lizenzrechtliche Situation. Zusätzlich geplant seien Kurzclips, wie Fußballtore, und in weiterer Folge Comedys.

In einer "zweiten oder dritten Phase" sollen zudem Produktionen, die jetzt via DVD-Vertrieb zum Kunden gebracht werden, online angeboten werden. Die Seher zahlen jetzt zwischen 10 und 30 Euro pro DVD und dürften wohl eine potenzielle Klientel für kostenpflichtige Downloads sein. Das Rad neu erfinden will man beim ORF nicht, sondern Bestehendes anreichern: "Wir wollen das TV-Angebot nicht ersetzen, sondern ergänzen", macht Prantner deutlich. Anders als bei den US-Sendern soll der Content ohne sogenannten Geolock ans Netz gehen - das ist die Beschränkung auf IP-Adressen eines bestimmten Landes. Ausgenommen davon seien Großveranstaltungen mit besonderen Lizenzrechten, etwa die Champions League.

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7.3.2008 17:55