Mittwoch, 5. März 2008

Winzer-Drama: Jetzt kontert der Winzer

  • Der wirtschaftliche Untergang der Wein-Dynastie

Der Gift-Krimi. Das Psychogramm eines Gescheiterten. Wie ihn der tiefe Fall seiner Familie zum Mordverdächtigen macht. Plus: Osberger spricht und liefert neue Beweise.

Die Mauern sind über die Jahre rissig geworden. Der Verputz bröckelt bereits von der Fassade. Selbst der Schriftzug, der auf den Namen der illustren Familie lautet, ist längst vergilbt. Nur wenig deutet heute noch darauf hin, dass hier einst der Stammsitz einer wahren Dy­nas­­tie lag. Einer mehr als 200 Jahre währenden Dynastie, die bloß aus dem Fenster zu blicken brauchte, um ihre Besitztümer zu sehen. Denn direkt vor ihrem weißen Schlösschen aus dem späten 18. Jahrhundert ­begannen sich Weinberge zu ­erstrecken. Hektar neben Hektar, alles in den besten Lagen und lange die Basis für die edels­ten und teuersten Tropfen im ganzen Lande.

Hier, im idyllischen Straß im Straßertal, 20 Kilometer nördlich von Krems, wuchs Helmut Osberger auf. Der heute 56-Jährige ist der Spross einer einflussreichen Winzer­familie, die weit über die Grenzen des Tals hinweg bekannt war. Doch der Clan sollte tief stürzen – schwere Schicksalsschläge erleiden und letztlich ­alles, was man jemals besessen hatte, verlieren. Und für Helmut Osberger sollte sich dieser tiefe Fall fortsetzen – bis zum vergangenen Mittwoch, als die Polizei ihn festnahm. Ist er der Attentäter? Schon am darauf folgenden Tag würde das ganze Land von ihm erfahren, sein Bild im Fernsehen sehen und von „seinem patscherten Leben“ in der Zeitung lesen.
Denn er soll dem Bürgermeister von Spitz nach dem Leben getrachtet haben. Er soll jener mysteriöse Täter sein, der die mit Strychnin vergiftete Praline samt einer Grußkarte auf dem Auto von Hannes Hirtzberger platziert hat. Bei ihm soll es sich, so sagt die Polizei, um den feigen Attentäter handeln, der dem Land wochenlang Rätsel aufgab. Und die Polizei liefert einen Beweis für ihre These.

Und zwar nicht irgendeinen, sondern, so die Ermittler, den besten, den es gibt: in Form der auf der Grußkarte gefundenen DNA, welche ident ist mit jener von Osberger. Ein Treffer? Ein Fang? Oder eine Vorverurteilung, wie der Verhaftete meint? Fakt ist: Au­ßer der DNA fehlt der Polizei bislang jeder Beweis für Osbergers Schuld. „Ich war es nicht“, sagt dieser nun im NEWS-­Interview und liefert Gründe, weshalb er kein Motiv gehabt hätte, Hannes Hirtzberger den Tod zu wünschen (siehe Interview Seite 48). Jenem Mann, der im Krankenhaus Krems weiter gegen den Tod kämpft und ­dessen Chancen, heil aus dem ­Tiefschlaf zu erwachen, täglich sinken. Hannes Hirtzberger und Helmut Osberger, der eine Opfer, der andere Täter? Zwei Männer, die sich schon mehr als 30 Jahre lang kennen, manches gemeinsam haben, die an Wendepunkten ihrer beider Le­ben immer wieder aufeinander­trafen und die letztlich doch ein wesentlicher Faktor trennte – nämlich der Erfolg.

Der tiefe Fall einer Familie. Erfolg, davon gab es anfangs genug bei den Osbergers. Das Weingut lief prächtig, die Lesen lieferten edle Tropfen, deren beste Jahrgänge noch heute bei Auktionen Preise von 200 Euro und mehr erzielen. „Von den 20er- bis in die 70er-Jahre gab es ­keinen österreichischen Weiß­wein, dessen Qualität besser gewesen wäre“, hielt etwa einmal ein deutscher Kritiker fest.

Entsprechend angesehen war die Familie, die ihn produzierte: ein Winzerclan à la „Falcon Crest“, dessen Patriarch, Helmut Osberger senior, in den höchsten Kreisen verkehrte und Wirtschaftsbosse wie Politiker zu Du-Freunden zählte. Doch den Seinen soll der ­Winzerkönig kaum Luft zum Atmen gelassen haben. Als „äußerst jähzornig und streit­süchtig“ haben ihn bis heute viele in Straß in Erinnerung und wärmen den mysteriösen Tod der Gattin durch einen Fenstersturz für die Medien nochmals auf. Auch Verbindungen bis ins äußerste rechte politische Eck werden dem Senior nachgesagt. So manch juristischer Disput endete hingegen in Krems vor Gericht, wo der „Alte“ von ­einem jungen, aufstrebenden Anwalt vertreten wurde: Hannes Hirtzberger.

Gepanschter Wein. Ins Trudeln geriet der Patriarch im Jahr 1985. Damals kam auf, dass eine Reihe österreichischer Winzer ihren Qualitätswein in Wirklichkeit gepanscht, also mit dem Frostschutzmittel Glykol versüßt hatte. Der Weinskandal führte etliche Winzer ins Kriminal und riss die verbliebenen in den wirtschaftlichen Abgrund. Osberger traf es doppelt, da er fortan nicht nur auf der eigenen Produktion sitzen blieb, sondern ihm auch seine ausländischen Absatzmärkte wegbrachen. Was folgte, war der Anfang vom Ende, das sich letztlich 1995 einstellte, als Osberger endgültig in die Pleite schlitterte. 20 Millionen Euro Außenstände konnten nicht mehr bedient werden, das Konkursverfahren sollte Jahre dauern und ist auch nach dem Tod des Seniors 2004 bis heute noch nicht abgeschlossen. Eine Familie, die immer ganz oben war, auf einmal ganz unten? Helmut Osbergers Bruder zerbrach an diesem Schicksal und beging Selbstmord. Osberger selbst glaubte stärker zu sein und wollte dort neu durchstarten, wo ebenfalls Wein wächst: in Spitz an der Donau.

Erfolg, Geld, Anerkennung. Was die Osbergers im Straßertal einst waren, sind die Hirtzbergers in der Wachau bis heute geblieben: eine einflussreiche und äußerst angesehene Winzer­familie. Der Vater, Franz Hirtzberger senior, führte zwei Jahrzehnte lang als Bürgermeister die Geschicke des Ortes. Einer seiner Söhne, Hannes, sollte ihm später im Amt nachfolgen. Dessen älterer Bruder Franz übernahm wiederum das 20 Hektar große elterliche Weingut und stieg bald zum Top-Winzer auf, dessen Rieslinge bis in die USA Abnehmer finden. Die Hirtzbergers. Sie haben alles, was Helmut Osberger einst auch besaß: Erfolg, Geld und Anerkennung.

Die ganze Story finden Sie im aktuellen NEWS-Magazin

5.3.2008 15:42