Montag, 3. März 2008

Sportwagenhersteller Porsche macht sich
breit: Will Mehrheit an VW übernehmen

  • Volkswagen übernimmt das Steuer bei Scania
  • Piech verlässt Porsche-Aufsichtsratspräsidium

Der deutsche Volkswagen-Konzern steht vor neuen entscheidenden Weichenstellungen. Nach monatelangen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen hat VW das Steuer bei dem schwedischen Lastwagenbauer Scania übernommen. Derweil steht der Wolfsburger Autobauer selbst unmittelbar vor der erwarteten Machtübernahme durch die Stuttgarter Sportwagenschmiede Porsche. Beides wurde bekannt. Der Porsche-Aufsichtsrat gab grünes Licht für die Aufstockung der VW-Anteile von derzeit knapp 31 auf über 50 Prozent für knapp 10 Mrd. Euro.

"Unser Ziel ist die Schaffung einer der innovativsten und leistungsstärksten Automobil-Allianzen der Welt, die dem verschärften internationalen Wettbewerb gerecht wird", erklärte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking nach einer außerordentlichen Sitzung des Kontrollgremiums. Mit der Entscheidung werde der Weg dafür geebnet, dass VW und Porsche künftig "gemeinsam in einer fairen und kollegialen Partnerschaft ein neues Kapitel Automobilgeschichte schreiben können".

Zuvor hatte VW in Wolfsburg und Stockholm mitgeteilt, dass der Konzern seinen Stimmrechtsanteil an Scania auf 68,6 Prozent aufstocken werde. VW zahlt den heimischen Scania-Anteilseignern aus der Wallenberg-Gruppe für ihre rund 30 Prozent knapp 2,9 Mrd. Euro. Der Kapitalanteil erhöht sich mit dem Zukauf von 20,89 auf 37,73 Prozent.

"Der Anteilserwerb unterstreicht die Bedeutung, die wir der Beteiligung an Scania zumessen", erklärte VW-Chef Martin Winterkorn. Er bekannte sich bei einer Pressekonferenz in Stockholm ausdrücklich auch zum Erhalt der schwedischen Marke: Scania solle als "eine der erfolgreichsten Marken der Welt in der Autoindustrie" ohne grundlegenden Änderungen "in absehbarer Zeit" weitergeführt werden.

Scania-Management soll bleiben
Am Management von Scania und an den bisherigen Strukturen will VW zudem festhalten. Der bisherige Scania-Vorstandschef Leif Östling soll wie die gesamte Führungsspitze im Amt bleiben. Die Zentren für Forschung und Entwicklung am Stammsitz in Södertälje sollen ebenfalls erhalten werden. "Wir glauben an diese Firma und sind uns sicher, dass Scania sein profitables Wachstum fortsetzen wird", sagte der VW-Konzernchef. Und fügte hinzu: "Unsere Partnerschaft hat großes Potenzial."

Östling begrüßte es, dass die Zeit der Spekulationen um die Scania-Eignerstruktur jetzt ein Ende habe. "Das erleichtert die Arbeit des Managements." Die Zusammenarbeit mit VW wolle Scania nun ausbauen. "Wir werden gemeinsam eine gute Zukunft haben. Wir können Technologie jetzt noch offener teilen."

MAN-Zusammenführung nicht jetzt
Eine Zusammenführung mit MAN steht nach den Worten von VW- Finanzvorstand Hans-Dieter Pötsch derzeit nicht auf der Tagesordnung. "Wir glauben weiter an das Potenzial einer Zusammenführung. Aber das ist jetzt nicht die Sache - weder heute oder in absehbarer Zukunft." VW strebt seit langem eine Lastwagen-Allianz mit MAN und Scania unter Einschluss des eigenen Geschäfts mit schweren Lkw in Brasilien an.

Nach einem Bericht der Tageszeitung "Die Welt" in ihrer Online-Ausgabe will VW nach der Übernahme der Mehrheit bei Scania auch sein eigenes Lkw-Geschäft dort anbinden. Mittelfristig solle das Geschäft mit schweren Lkw in Südamerika bei der neuen Tochter angesiedelt und nach Schweden verlagert werden, hieß es unter Berufung auf das Unternehmensumfeld.

Nach Angaben der Wallenberg-Finanzgesellschaft Investor hatte VW bereits seit dem vergangenen Jahr hinter den Kulissen intensiv über eine neue Struktur mit Stockholm verhandelt. Vorausgegangen war ein von der Wallenberg-Gruppe erfolgreich abgewehrter Übernahmeversuch bei Scania durch den deutschen Konkurrenten MAN. Hier ist Volkswagen ebenfalls größter Anteilseigner. MAN hält seinerseits rund 17 Prozent der Stimmrechtsanteile bei Scania.

Machtübernahme durch Porsche dauert
Die Machtübernahme von VW durch Porsche wird sich voraussichtlich noch eine Weile hinziehen. Die Aufstockung der Anteile ist Porsche knapp 10 Mrd. Euro wert: Das ist der Preis für weitere 20 Prozent der Anteile an VW bei einem aktuellen Börsenkurs von rund 150 Euro je Stammaktie. Bevor die Mehrheitsübernahme unter Dach und Fach ist, muss Porsche allerdings alle erforderlichen kartellrechtlichen Schritte weltweit einleiten. Alleine in 15 außereuropäischen Ländern sei das erforderlich, sagte ein Sprecher. Die Prüfung werde voraussichtlich bis zu einem halben Jahr dauern.

Eine Fusion der beiden Unternehmen sei nicht geplant, versicherte Porsche-Vorstandschef Wiedeking. Die Ankündigung zur Aufstockung der VW-Anteile kommt nicht unerwartet, da Porsche erst vor wenigen Tagen seine Kreditlinie von zehn Mrd. Euro voll ausgeschöpft hatte.

Piech zieht sich zurück
Ferdinand Piech hat sich unterdessen einigermaßen überraschend aus dem Präsidium des Aufsichtsrats der Porsche Automobil Holding SE zurückgezogen. Für den 70-Jährigen rückte nach der Aufsichtsratssitzung Hans Michael Piech nach. Porsche-Sprecher wollten dies nicht kommentieren. In dem Gremium sitzen neben dem Vorsitzenden Wolfgang Porsche sein Stellvertreter Uwe Hück sowie Hans Baur von der IG Metall Stuttgart. (apa/red)

3.3.2008 19:47