Sonntag, 2. März 2008

Dmitri Medwedew: Putin-Nachfolger
als Präsident mit sanfterem Auftreten

  • Jüngstes Staatsoberhaupt seit Zaren-Zeiten

Wladimir Putins Kandidat für das Präsidentenamt in Russland hat auf den ersten Blick wenig gemein mit den starken Männern, die zuletzt im Kreml herrschten. Doch Dmitri Anatoljewitsch Medwedew gab sich alle Mühe, nicht nur als Liberaler wahrgenommen zu werden. Bei seinen Reisen gemeinsam mit dem Staatschef machte er zuletzt durch kompromisslose Äußerungen etwa zur Korruption deutlich, dass er von seinem langjährigen Partner Putin gelernt hat.

Die beiden Männer kennen einander aus St. Petersburger Zeiten, wo Medwedew Jus studierte und Putin als KGB-Agent die juridische Fakultät der Universität überwachte. Seit 17 Jahren gehört der 42-jährige Jurist zum engsten Kreis Putins. Putin wurde Mitarbeiter des St. Petersburger Bürgermeisters und holte Medwedew in die Stadtverwaltung. 2000 organisierte Medwedew den Wahlkampf für Putin. 2003 stieg er - nach Medienberichten Kreml-intern "der Wesir" genannt - zum Leiter der mächtigen Kreml-Verwaltung auf.

Der am 14. September 1965 geborene Medwedew will vom Ansehen seines Ziehvaters profitieren. Deshalb näherte er sich diesem schon rein äußerlich an: Fast unbemerkt speckte der etwas pummelige Medwedew ab. Wie Putin greift er bei weniger offiziellen Anlässen zum Rollkragenpullover. Und auch wenn er seine Stimme hebt, wird Ähnlichkeit verblüffend deutlich. Nur in seinen Gesichtszügen und seinem Auftreten bleibt Medwedew der Sanftere. Beide sind zudem nicht sonderlich groß.

Nominierung war Sieg der Liberalen
Seine Nominierung als Kandidat der Kreml-Partei Geeintes Russland im Dezember galt als Sieg der Liberalen über die "Silowiki", die als Hardliner geltenden Geheimagenten und Militärs, mit denen Putin für gewöhnlich Schlüsselfunktionen besetzte. Als Putin den Vizeregierungschef zu seinem Wunschnachfolger erklärte, schnellten dessen Zustimmungswerte von 24 auf über 70 Prozent. Seither verfolgt Medwedew nur einen Plan: Er will Putin die Treue halten und dessen "Werk vollenden, ohne etwas kaputt zu machen". Medien schwärmten am Sonntag von dem 42-Jährigen als dem jüngsten Staatsoberhaupt seit Zaren-Zeiten.

Schon vor seiner Nominierung durfte Medwedew im Staatsfernsehen fast ausschließlich mit guten Nachrichten glänzen. Er war für die sogenannten "nationalen Projekte" in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Wohnungsbau und Landwirtschaft zuständig. Medwedew, auch Aufsichtsratschef des Energieriesen Gazprom, sollte die Gewinne aus den vermehrt sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen dazu einsetzen. Die Aufgabe brachte ihm Sympathien vieler Wähler ein.

Bürgerliche Herkunft
Medwedew, der mit seiner Frau Swetlana einen Sohn hat, warb außerdem mit seiner bürgerlichen Herkunft. Sein Vater war Professor, seine Mutter Lektorin an der Universität. Zu seinen Vorfahren zählten Landarbeiter oder Schmiede, hieß es in einer Anzeige, die als Interview gestaltet war. Zu Sowjetzeiten habe er nur davon träumen können, auf dem Schwarzmarkt Platten von Deep Purple und Jeans von Levi's oder Wrangler kaufen zu können: "Für mich waren 200 Rubel eine astronomische Summe."

Der promovierte Jurist gilt als kluger Gesprächspartner und umgänglicher Vorgesetzter, wenngleich er seine Ziele auch mit einer stillen Entschlossenheit durchzusetzen versucht. Kritiker werfen Medwedew vor, dass er mitverantwortlich für die autoritäre Entwicklung des Landes in den vergangenen Jahren sei. Dass Medwedew nicht zu unterschätzen ist, machte der russische NATO-Botschafter Dmitri Rogosin erst kürzlich in einem Interview deutlich: "Trotz seiner sanften und ruhigen Persönlichkeit trägt er Stahl in sich", sagte Rogosin.

Nur zögerlich äußert sich Medwedew zu seinen Plänen als Präsident Russlands. Im Mittelpunkt sollen Freiheit und eine unabhängige Justiz stehen. Zugleich deutete er eine Abkehr vom Konfrontationskurs Putins an, indem er die Partnerschaft mit den USA betonte und zu Kooperation aufrief. Daneben forderte er die Unternehmen seines Landes auf, im Ausland einzukaufen. Zugute dürfte ihm kommen, dass die russische Wirtschaft dank der hohen Preise für Öl und Gas boomt und bereits das zehnte Jahr in Folge wächst.

(apa/red)

2.3.2008 19:12