Montag, 18. Februar 2008

Französischer Autor Alain Robbe-Grillet tot:
War Hauptvertreter des "Nouveau Roman"

  • Herzschlag: Schriftsteller starb im Alter von 85 Jahren an
  • "Die Niederlage von Reichenfels" & "La belle captive"

Der französische Schriftsteller Alain Robbe-Grillet galt noch im hohen Alter als "enfant terrible" des französischen Literaturbetriebs. "Ein Gespräch mit Robbe-Grillet zu führen, ist wie Trekking in Nepal: voller Überraschungen", schrieb das Literaturmagazin "Lire" zu seinem 85. Geburtstag, den der umstrittene Erfolgsautor am 18. August des Vorjahres feierte. Der graubärtige Autor, der als einer der Hauptvertreter des Nouveau Roman in die Literaturgeschichte einging, ist in einem Krankenhaus in Caen gestorben.

Den ersten Skandal löste der studierte Agraringenieur gleich zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere aus. In dem 1955 veröffentlichten Roman "Der Augenzeuge", beschreibt er einen Handeltreibenden, der auf einer Insel Uhren verkauft und den ganzen Tag mit seinem Mietfahrrad unterwegs weg, bis eines Tages ein junges Mädchen ermordet wird. Als obszön und unlesbar wurde das Werk von vielen Kritikern verschrien, die Robbe-Grillet rieten, sich ein Zimmer in einer Pariser Klinik für Psychiatrie geben zu lassen. Als unlesbar wurde der Roman deshalb bezeichnet, weil Robbe-Grillet damals nicht nur moralische Grenzen überschritt, sondern auch die überlieferten Erzählstrukturen erneuerte, was ihn zu einem der Hauptvertreter der literarischen Richtung des Nouveau Roman, des "neuen Romans" machte.

Ihn begeisterten literarische und sprachwissenschaftliche Theorien. Deshalb schloss er sich in den 50er Jahren Autoren wie Nathalie Sarraute, Claude Simon und Marguerite Duras an, die die Kohärenz von Charakteren und Handlungsabläufen ablehnten. Sie wehrten sich gegen die Psychologisierung ihrer Figuren und stellten die "Dichtung des reinen Tatbestands" in den Vordergrund. Robbe-Grillet fasste seine Überlegungen 1963 unter dem Titel "Pour un nouveau roman" zusammen und forderte darin die möglichst metaphernreiche Beschreibung der Dinge. Die Auflagen seiner Bücher waren meist gering, dennoch wurden seine Werke in über 30 Sprachen übersetzt.

Sprachexperimente
Die sprachexperimentelle und die erotische Ader prägten viele seiner Bücher wie "Die Wiederholung", "Die Niederlage von Reichenfels", "Die blaue Villa in Hongkong", "Projekt für eine Revolution in New York", "Ansichten einer Geisterstadt" und "Angelique oder die Verzauberung". Seine Drehbücher zu "Letztes Jahr in Marienbad", "Trans-Europa-Express" und "La belle captive" (etwa: Die schöne Gefangene) tragen dasselbe Gütezeichen. Der 1922 in Brest geborene Autor drehte auch selbst Kinofilme - etwa "Trans-Europa-Express" (1966) oder "La belle captive" (1983) - und leitete 1986 die Film-Biennale in Venedig. Er galt auch als einer der bedeutendsten Literaturtheoretiker Frankreichs.

Letzte Roman: "Die Wiederholung"
Nach seinem mehr als 20-jährigen Schweigen als Romancier griff Robbe-Grillet wieder zur Feder und veröffentlichte 2001 den Agentenroman "Die Wiederholung", der auch nach zwei Jahrzehnten noch alle Ingredienzien seines literarischen Universums vereinte: wilde Phantasmen und eine komplexe Erzählstruktur. "Spannend und degoutant", urteilte die deutsche Presse über das Buch, das es in Frankreich überraschend auf die Bestsellerliste schaffte. Die französische Kritik pries die ironische Agentengeschichte, die im November 1949 in Berlin spielt und bei der sich mit fortschreitender Handlung jede Gewissheit verliert, als einen der modernsten Romane der letzten Jahre. Zeitgleich erschien unter dem Titel "Le voyageur. Test, causeries et entretiens (1947-2001)" eine umfangreiche Sammlung von Texten und Gesprächen.

(apa/red)

18.2.2008 17:11