Werner Schneyder im 'Krebs' NEWS-Talk
- "Man ist in einer absolut trostlosen Situation"

Zufall oder nicht ausgerechnet am Welt-Krebs-Tag vergangenen Montag kam eine hochkarätige Runde von Krebsspezialisten im NEWS-Tower zusammen, um mit Werner Schneyder über sein topaktuelles Buch Krebs zu diskutieren.
NEWS: Herr Schneyder, Ihre schonungslose literarische Aufarbeitung des Krebstodes Ihrer Frau scheint einen Nerv unserer Zeit getroffen zu haben. Was sind für Sie die Gründe für diesen durchschlagenden Erfolg?
Werner Schneyder: Da es ein sehr persönliches, sehr intimes Buch ist, hab ich das Manuskript zuerst einer Hand voll Menschen zum Lesen gegeben, etwa meinem Sohn und dem Trauzeugen meiner verstorbenen Frau. Wäre da ein Einwand gekommen, hätte ich das Ganze vielleicht abgeblasen. Aber deren Reaktion war so, dass ich mir gesagt habe, das schlägt wirklich in eine Kerbe. Es ist kein Sachbuch, sondern die Schilderung zweier Schicksale. Es erzählt vom Leiden eines Duos, dem ein Part durch den Krebs abhanden kommt. Dem gegenüber steht eine Medizin also Ärzte, Befunde, Maßnahmen, Krisen, Fehlmeinungen, auch mangelnde Transparenz und Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Kliniken. Und letztlich die Frage: Ab wann ist Therapie nicht mehr sinnvoll, wenn nachgewiesen ist, dass sie in eine Folter übergegangen ist?
NEWS: Wie gehen Sie als Krebsärzte mit dieser tagtäglichen Gratwanderung um?
Gabriela Kornek: Was Ihre Frau mitgemacht hat, zeigt uns die Grenzen der Medizin auf. Die Gratwanderung ist, dass die Patienten mit Hoffnungen kommen, wir ihnen aber keine übertriebenen Hoffnungen machen dürfen. Natürlich müssen wir ihnen auch eine Therapie anbieten, die in den meisten Fällen auch eine Verbesserung bringt. Ich finde es daher sehr problematisch, zu sagen, dass Patienten nicht geheilt werden können, dass man ihnen statt einer Therapie nur noch Morphium geben darf.
Bob Djavan: Nicht zu operieren und zu sagen, machen wir lieber gar nichts und warten ab das geht einfach nicht! Tatsache ist, dass wir eine Therapie anbieten müssen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wo die Grenzen sind, wann soll ich eine Therapie geben.
Raimund Jakesz: Ich halte die Diskussion über dieses Buch für wichtig. Diese drastische Schilderung ist ein Akt von beachtlichem Mut. Ihr Buch soll aufrütteln und zum Nachdenken anregen: Wo hat jeder in seinem eigenen Bereich unter Umständen Handlungsbedarf?
NEWS: Wo orten Sie einen solchen in der Krebsmedizin?
Jakesz: In Bezug auf Aufklärung und psychoonkologische Führung von Patienten. Es wird vielerorts zu viel Hoffnung gemacht, auf der anderen Seite aber auch zu viel Hoffnung erwartet. Unser Dilemma: Schildern wir die Situationen zu negativ, tritt eine enorme Verzweiflung ein; schildern wir sie zu positiv, lassen sich Patienten unter Umständen in eine Therapie hineinhetzen, von der sie eigentlich nicht profitieren.
Schneyder: Die dramaturgische Situation, die ich erlebt habe: Ich höre: Maximal fünf Monate, frage: Was bringt eine Chemo?, bekomme zur Antwort: Eine völlig sinnlose Verlängerung von maximal drei Monaten. Dann kommt es doch zur Chemo, und ich sitz neben der Patientin und frag mich: Was sag ich? Mach ich Hoffnung? Man ist da in einer absolut trostlosen, geradezu grotesk-komischen Situation.
Jakesz: Es braucht sehr viel Ehrlichkeit von unserer Seite, auch viel Diskussion über das bevorstehende Ende: Wie hältst dus denn mit dem Tod? Wie gehts mit dem Loslassen von allen Dingen, die im Leben nicht so wichtig sind?
Schneyder: Da war ich zum Beispiel zu feig was ich auch im Buch so geschrieben habe.
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