Mittwoch, 6. Februar 2008

Innenminister reagiert auf Vorwürfe: Platter setzt Natascha Kampusch-Kommission ein

  • Kampusch über Polizei-Fehler "entsetzt und wütend"
  • Anwalt Ganzger überlegt sogar Amtshaftungs-Klage

"Entsetzt" und "wütend" ist Natascha Kampusch nach den Aussagen, dass es bereits kurz nach ihrer Entführung konkrete Anhaltspunkte bezüglich ihres Kidnapper gegeben habe, denen nie nachgegangen worden sein soll. "Scheinbar durfte ich trotz stichhaltiger Hinweise auf meinen Entführer achteinhalb Jahre warten, bis ich aus eigener Kraft den Weg in die Freiheit finden konnte", sagte sie in einer Stellungnahme zur APA. Ihre Anwälte wollen nun die Ermittlungsergebnisse abwarten und einen Amtshaftungsanspruch prüfen. Innenminister Platter hat indes eine Evaluierungskommission eingesetzt, die die Vorwürfe prüfen soll. Auch der weltberühmte Kriminologe Thomas Müller soll dieser angehören.

"Am eigenen Leib zu erleben, wie hier Prioritäten gesetzt wurden, macht mich entsetzt und wütend", meinte Kampusch weiter. Scharfe Kritik übte sie vor allem an der Exekutive: "Die Sache wirft kein gutes Licht auf die Ermittlungsmethoden der Polizei." Die Aussagen des vor kurzem abgesetzten Leiters des Bundeskriminalamts, Herwig Haidinger, würden darauf hindeuten, dass auch von Ministeriumsseite nicht auf eine Verbesserung der Situation hingewirkt wurde. "Vielmehr sollte die Sache unter den Tisch gekehrt werden", beanstandete die 19-Jährige. "Ich bin sprachlos", so auch die entsetzte Reaktion ihres Vaters Ludwig Koch. Jemand müsse dafür die Verantwortung übernehmen.

Laut dem Akt, der vom Grünen Sicherheitssprecher Peter Pilz veröffentlicht wurde, handelt es sich bei dem Tipp auf den Aufenthaltsort des Entführer Wolfgang Priklopil um einen anonymen telefonischen Hinweis eines Hundeführers der Wiener Polizei am 14. April 1998, nur eineinhalb Monate nach dem Verschwinden der damals Zehnjährigen. Dabei wurde unter anderem geschildert, dass es sich bei dem Mann um einen möglicherweise bewaffneten "Eigenbrötler" mit Kontaktproblemen und einem Hang zu "Kindern" im Bezug auf seine Sexualität handle. Auch der weiße Kastenwagen mit dunklen Scheiben, das Entführungsauto, wurde erwähnt.

"Alle Hinweise überprüft"
Der Beamte des damaligen Sicherheitsbüros, der den telefonischen Hinweis seines Kollegen entgegengenommen hatte, sagte zur APA, er habe den Akt an seinen Vorgesetzten weitergegeben, man habe damals "alle Hinweise überprüft." Eine rechtliche Grundlage für eine Hausdurchsuchung habe es nicht gegeben. Aus dem Akt des Sicherheitsbüros geht hervor, dass Wiener Kriminalisten sich anschließend zu Priklopils Haus begaben um "Nachschau zu halten". Der Entführer wurde auch angetroffen, zeigte ihnen den Mercedes, den er laut seinen Angaben als Baufahrzeug verwendete. Ein Alibi für den Entführungstag hatte er nicht.

Als "unverständlich und unerklärlich" beurteilte Natascha Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger den Umgang mit dem Hinweis auf den Kidnapper. "Klar ist, dass es theoretisch in Richtung Amtshaftung gehen kann", sagte Ganzger. "Wenn alle Erhebungen da sind, wird man prüfen ob ein Amtshaftungsanspruch da ist." Gibt es diesen, werde man ihn geltend machen. Der Hinweis des Polizeiführers sei unglaublich konkret, es handle sich um eine sachlich versierte und begründete Anzeige, in der "wie aus dem Lehrbuch" Fakten geschilderte werden, die zum Täterprofil passen.

Äußerst zurückhaltend mit öffentlichen Äußerungen über die angebliche Ermittlungspanne zeigten sich damals involvierte Ermittler und leitende Kriminalisten: Der Leiter der Sonderkommission Natascha Kampusch, der burgenländische Landespolizeikommandant Nikolaus Koch, wollte mit Verweis auf laufende Verfahren der Staatsanwaltschaft "keinen Kommentar" zu dem Hinweis des Hundeführers abgegeben. "Es gibt Gremien, die den Akt beurteilen und diese sind momentan am Zug", sagte er.

Innenminister setzt Evaluierungskommission ein
Innenminister Günther Platter hat den Auftrag zur Einrichtung einer Evaluierungs-Kommission zum Fall Natascha Kampusch erteilt. Dabei handelt es sich um eine Expertengruppe, die diesen Fall untersuchen, evaluieren und beurteilen soll. Geleitet wird die Kommission von Mathias Vogl, dem Chef der Rechtssektion im Innenministerium. Weitere Mitglieder werden Rudolf Keplinger, Chef des oberösterreichischen Landeskriminalamts, und Kriminalpsychologe Thomas Müller sein, so das Innenministerium.

Vogl verfüge über hohes Fachwissen im kriminalpolizeilichen Bereich, sei aber niemals in den Fall Kampusch involviert gewesen. Auch Müller und Keplinger seien vorher nicht direkt darin involviert gewesen. Pikant ist nur, dass Keplingers Vorgesetzter einer der vom ehemaligen Bundeskriminalamtschef Herwig Haidinger Beschuldigten ist: Andreas Pilsl, jetzt oberösterreichischer Landespolizeikommandant. Nach spätestens vier Monaten hat die Kommission dem Minister Bericht zu erstatten.

Der Vorsitzende der Kommission erhalte direkte und uneingeschränkte Zugriffsmöglichkeit auf sämtliche Einrichtungen und Ressourcen des Innenministeriums. Weiters sei festgelegt worden, dass neue Erkenntnisse von dienst- und strafrechtlicher Relevanz unverzüglich und direkt der zuständigen Stelle (Büro für Interne Angelegenheiten, Staatsanwaltschaft oder Dienstbehörde) bekanntzugeben sind.

Das Ministerium erklärte, dass der genannte Hinweis des Wiener Polizeihundeführers im Fall aus dem Jahr 1998 von Haidinger erst nach dem Auftauchen Kampuschs im Jahr 2006 angesprochen worden sei. Zu diesem Zeitpunkt sei bereits klar und offenkundig gewesen, wer der Täter war. Einvernahmen hätten ebenso stattgefunden wie die Übermittlung an die Staatsanwaltschaft, erklärte das Ministerium.

(apa/red)

6.2.2008 19:22