Mittwoch, 4. Juni 2008

Das Besondere des US-Wahlkampfes 2008: Geschichtliche Vergleiche und Rückblicke

  • Erstmals seit 1928 kein Amtsinhaber im Rennen
  • Nach 50 Jahren könnte es wieder Senator schaffen

Das Rennen um die US-Präsidentschaft ist zwar noch völlig offen, aber eines steht jetzt schon fest: Das vor allem von den meisten Kandidaten strapazierte Schlagwort "Change" (Wechsel) ist diesmal so berechtigt wie schon lange nicht mehr. Erstmals seit 80 Jahren tritt nämlich bei der US-Präsidentenwahl kein Amtsinhaber zur (Wieder-)Wahl an, da Präsident George W. Bush nicht ein drittes Mal kandidieren darf und ihm sein Vize Dick Cheney nicht nachfolgen will.

Cheney bricht mit der Tradition, dass ein Vizepräsident seinen "Chef" nach dessen turnusmäßigem Ausscheiden aus dem Amt zu beerben versucht. Neben Cheney taten im vergangenen Jahrhundert nur zwei Vizepräsidenten diesen Schritt nicht: Thomas Marshall (1913-21) und Charles Dawes (1923-29).

Kein Amtsinhaber
Im Jahr 1928 verzichtete der republikanische US-Präsident Calvin Coolidge trotz hoher Popularitätswerte auf eine neuerliche Kandidatur. Die Begründung: Bei einer weiteren Amtszeit wäre er auf zehn Jahre im Weißen Haus gekommen, "mehr als jeder andere - zu viel!" Der damalige Vizepräsident war nämlich schon zur Mitte seiner Amtszeit Präsident geworden, als Amtsinhaber William G. Harding im Jahr 1923 verstarb. Die Präsidentenpläne seines eigenen Vize Dawes vereitelte Coolidge jedoch. Der Präsident hatte sich so sehr mit Dawes so zerstritten, dass er beim republikanischen Wahlparteitag 1928 gegen dessen geplante Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten intervenierte.

Es sind somit gänzlich andere Umstände, die 1928 und 2008 zu einer Wahl ohne Amtsinhaber führten. Eine bedeutende Parallele zwischen den beiden Urnengängen gibt es aber. Beide Wahlen können als Meilensteine für die Weiterentwicklung der amerikanischen Demokratie gelten. Wenn nämlich heute davon die Rede ist, dass die USA bei der Wahl 2008 ihr erstes weibliches, schwarzes oder mormonisches Staatsoberhaupt bekommen, so war es im Jahr 1928 die katholische Bevölkerungsgruppe, die ihren politischen Durchbruch feierte. Mit dem demokratischen New Yorker Gouverneur Al Smith schickte damals erstmals eine der führenden Parteien einen Katholiken ins Rennen um die Präsidentschaft. Smith war zwar wegen des erwarteten republikanischen Erdrutschsiegs nur ein Zählkandidat, seine Bewerbung trug aber mit dazu bei, dass 32 Jahre später mit John F. Kennedy der erste Katholik zum Präsidenten der protestantisch geprägten Vereinigten Staaten gewählt wurde.

Familienbande
Auch in anderer Hinsicht muss man weit zurückblättern, um mit der heurigen Präsidentenwahl vergleichbare Urnengänge zu finden. Erstmals seit 1972 tritt heuer bei den Republikanern weder ein Mitglied der Familie Bush noch Bob Dole an. Dole war 1976 und 1996 als (Vize-)Präsidentschaftskandidat erfolglos, George Bush Senior trat in den Jahren 1980 bis 1992 an, sein Sohn George W. Bush in den Jahren 2000 und 2004. Ganz ohne dynastische Anwandlungen geht es aber auch diesmal nicht: Neben der im "Doppelpack" antretenden Frau von Ex-Präsident Bill Clinton (1993-2001), Hillary, ist die Präsidentschaftswahl auch für den republikanischen Bewerber Mitt Romney eine "family affair": Sein Vater George Romney bewarb sich vor genau 40 Jahren um die republikanische Präsidentschaftskandidatur, musste sich aber wegen kritischer Aussagen zum Vietnam-Krieg dem späteren Präsidenten Richard Nixon geschlagen geben.

Dass in den USA tatsächlich politische Wechselstimmung herrscht, lässt sich noch an einem anderen Faktum ablesen. Erstmals seit fast einem halben Jahrhundert könnte diesmal nicht ein Regierungsmitglied, sondern "ein einfacher Senator" den Sprung ins Weiße Haus schaffen. John F. Kennedy war 1960 der bisher letzte Parlamentarier, dem dieses Kunststück glückte. Seine Nachfolger waren entweder frühere Vizepräsidenten (Richard Nixon, Gerald Ford, George Bush Sen.) oder Gouverneure (Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bill Clinton und George W. Bush). Diesmal residiert nicht nur Spitzenreiter der favorisierten Demokraten, Barack Obama, im Kapitol, auch bei den Republikanern liegt mit John McCain ein Senator in Front. 1880 war die bisher letzte Wahl ohne Beteiligung eines Regierungsmitglieds, als der Bürgerkriegsgeneral Winfield Hancock dem Kongressabgeordneten James Garfield unterlag. Schicken beide Parteien einen Senator ins Rennen ums Präsidentenamt, wäre dies in der 230-jährigen Geschichte der USA überhaupt eine Premiere.

(apa/red)

4.6.2008 09:52