Donnerstag, 24. Jänner 2008

Milliarden-Betrug bei Societe Generale: Börsenhändler verzockt 4,9 Milliarden Euro

  • Frankreichs zweitgrößte Großbank setzte Aktien aus
  • US-Hypothekenkrise: 2 Mrd. Euro kommen hinzu

Ein Betrugsfall beispiellosen Ausmaßes erschüttert die zweitgrößte französische Bank Societe Generale. Einer ihrer Börsenhändler verzockte in den vergangenen Monaten mit Termingeschäften 4,9 Mrd. Euro. Hinzu kommt, dass die ohnehin schon angeschlagene Bank wegen der US-Hypothekenkrise weitere 2,05 Mrd. Euro abschreiben muss.

Der Handel mit Aktien der Bank wurde vorübergehend ausgesetzt, und Vorstandschef Daniel Bouton bot seinen Rücktritt an, was der Verwaltungsrat aber umgehend ablehnt. Bankexperten reagierten mit Kopfschütteln auf die Enthüllungen.

Durch den Betrug und die Abschreibungen sinkt der Jahresgewinn der Bank auf nur noch auf 600 bis 800 Mio. Euro vor Steuer, wie die Societe Generale mitteilte. Im Vorjahr waren es noch 5,22 Mrd. Euro. In den kommenden Wochen braucht die Bank 5,5 Mrd. Euro an frischem Kapital.

Hälfte an Wert verloren
Die Aktie wurde später wieder in den Handel aufgenommen und verlor 5,5 Prozent. Bereits zuvor war der Kurs zwischenzeitlich um mehr als 6 Prozent abgestürzt. Die Aktie der Bank hat in den vergangenen sechs Monaten fast die Hälfte ihres Wertes verloren.

Bei dem Börsenhändler handelt es sich nach Angaben der Bank um einen Franzosen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Er habe vermutlich alleine gehandelt und die Sicherheitssysteme sehr gut gekannt, die er mit Scheintransaktionen ausgetrickst habe, erklärte die Bank. Der Mann wurde entlassen, und auch seine Vorgesetzten sollen ihren Hut nehmen. Die Verschleierung der Geschäfte sei "extrem ausgefeilt und durchdacht" gewesen, sagte Vorstandschef Bouton.

"Akt der Böswilligkeit"
Der geständige Broker mit einem Jahreseinkommen unter 100.000 Euro hat offenbar nicht direkt von seinen Betrügereien profitiert. Vizechef Philippe Citerne sprach von einem "nicht zu erklärenden Akt der Böswilligkeit". Der Mann arbeitete seit 2000 für die Bank und handelte mit Future-Geschäften, mit denen im Grunde genommen auf künftige Marktentwicklungen gewettet wird. Den Stein ins Rollen brachte offenbar das jüngste Börsenbeben, das den Mann zwang, unbezahlte Positionen zu decken. Daraufhin kam ihm die Bank auf die Schliche.

Der Betrug stellt den Skandal um den Broker Nick Leeson, der die britische Bank Barings 1995 in den Ruin trieb, bei weitem in den Schatten. Leeson hatte bei Termingeschäften 860 Mio. Pfund verzockt.

Banken weiterhin in Gefahr
Experten schüttelten den Kopf über die Vorgänge bei Societe Generale. Es sei erstaunlich, dass Derartiges 13 Jahre nach dem Fall Barings wieder möglich gewesen sei, erklärte der Analyst Axel Pierron von der Unternehmensberatung Celent. Der Betrug zeige, dass Banken trotz modernen Risikomanagements weiterhin in Gefahr seien, von findigen Mitarbeitern ausgetrickst zu werden.

Gilles Glicenstein, Chef der Vermögensverwaltung bei der größten französischen Bank BMP Paribas, erklärte, der Fall lasse alle Banken in einem schlechten Licht dastehen. Die Banken erlebten derzeit eine problematische Zeit, und "es sind solche Zeiten, die so schwerwiegende Dinge geschehen lassen".

Größter Bankenbetrug 1991
Es handelt sich aber nicht um den größten Betrug bei einer Bank in der Wirtschaftsgeschichte. Betrügereien, die 1991 zum Zusammenbruch der Bank BCCI mit Sitz in London, Luxemburg und auf den Cayman-Inseln führten, hatten einen Umfang von damals über zehn Mrd. Dollar (heute 6,8 Mrd. Euro). (apa/red)

24.1.2008 19:07