Dienstag, 22. Jänner 2008

Internationale Finanzkrise: Der US-Zins-
Schritt bremst freien Fall der Weltbörsen

  • Ökonomen sehen Ende der Baisse aber nicht erreicht
  • PLUS: Schlimmste Börsenstürze der letzten 20 Jahre

Die US-Notenbank hat mit dem heftigsten Zinsschritt seit fast einem Vierteljahrhundert auf die Konjunkturrisiken für die weltweit größte Ökonomie reagiert. Die Lage an den internationalen Börsen stabilisierte sich daraufhin etwas, die Anleger bleiben aber nach den erdrutschartigen Verlusten des Vortages weiter nervös. Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, und auch IHS-Chef Bernhard Felderer gehen davon aus, dass die Aktien weltweit noch weiter fallen werden.

Der Dow-Jones-Index an der Wall Street, der zunächst rund 3 Prozent verloren hatte, schloss 1,06 Prozent schwächer bei 11.971,19 Punkten, die NASDAQ verlor 2,04 Prozent. Die massiven Kurseinbrüche in Asien und Europa vom Montag sind der US-Börse damit dank der präventiven Fed-Entscheidung erspart geblieben. Wegen eines Feiertages war die Wall Street am Montag geschlossen gewesen. Hätte sich der Crash fortgesetzt, das US-Finanzministerium hätte Gerüchten zufolge sogar die Aussetzung des Wall Street-Handels erwogen.

Kurse in Europa stabilisiert
Auch in Europa haben sich die Kurse nach der US-Leitzinssenkung um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent stabilisiert. Der deutsche DAX schloss nach teils kräftigen Ausschlägen im Handelsverlauf mit 6.769,47 Punkten nur noch 0,3 Prozent unter Vortagesniveau. Der ATX in Wien, der in der Früh neuerlich 6,5 Prozent verlor, legte bis zum Schluss gegenüber dem Vortag 1,5 Prozent auf 3.768,28 Punkte zu.

Für Asiens Börsen kam die Zinssenkung zu spät, sie hatten bereits geschlossen und den Sturzflug unvermindert fortgesetzt. Der indische Leitindex Sensex brach um mehr als zwölf Prozent ein und verzeichnete damit den größten Tagesverlust in der Geschichte der Börse in Bombay. In Tokio schloss der Nikkei-225-Index neuerlich um 5,65 Prozent schwächer.

Angst vor Rezession
Es steigt die Angst, dass die Finanzkrise nicht nur in eine Rezession in den USA, sondern auch in ein abruptes Ende des Wirtschaftswachstum in Europa und Asien münden könnte. Für die USA gehen die Ökonomen in Europa mittlerweile davon aus, dass weder die kräftigste Senkung der Leitzinsen seit 1984 noch das geplante milliardenschwere staatliche Konjunkturprogramm die Konjunkturdelle verhindern werden. Ein Aktienhändler in Frankfurt sagte, die Zinssenkung der US-Notenbank zeige, wie dramatisch die Lage sei - auch wenn die US-Regierung weiterhin keine Rezession in den USA erwartet.

Auch Europas Politiker bemühen sich jetzt, weitere Panikreaktionen der Investoren zu verhindern. Die Lage in den USA sei nicht mit der europäischen Wirtschaft vergleichbar, betonte Wirtschaftskommissar Joaquin Almunia beim Treffen der EU-Finanzminister in Brüssel. Der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, bezeichnete eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Gefolge der Fed-Entscheidung in den USA als unwahrscheinlich.

"Mich würde eine Rezession auch in Europa nicht wundern", sagte dagegen BA-CA-Vorstand Wilhelm Hemetsberger im "Kurier". Selbst EU-Kommissar Almunia gestand ein, dass die EU-Kommission ihre Konjunkturprognose für 2008 wahrscheinlich nicht mehr ganz so hoch ansetzen werde können wie noch im November. Damals hatte die EU-Behörde ein Wachstum von von 2,2 Prozent für die Eurozone vorhergesagt. Die deutsche Bundesregierung wird laut "Financial Times" am Mittwoch in ihrem Jahreswirtschaftsbericht vor zahlreichen Risiken für den weiteren Konjunkturverlauf im Jahr 2008 und da vor allem vor außenwirtschaftliche Konjunkturrisiken warnen. In dem Bericht hat die deutsche Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 2,0 auf 1,7 Prozent gesenkt.

Auswirkungen auf Österreichs Wirtschaft
Auch Österreich Wirtschaft wird nach Einschätzung des Wifo durch die geplatzte Börsenblase heuer schwächer wachsen als bisher angenommen. In seiner letzten Prognose vom Dezember ist das Wifo von einem Rückgang des heimischen BIP-Wachstums um 3,4 Prozent 2007 auf 2,2 Prozent 2008 ausgegangen. Um wie viel die Prognose nun neuerlich gesenkt werden muss, lässt sich laut Wifo-Ökonom Marcus Scheiblecker noch nicht abschätzen.

IHS-Chef Felderer sprach von einer Konjunkturübertragung von den USA auf Europa über den Aktienmarkt. Selbst in Österreich sei es für Unternehmen derzeit schwer, konzertierte Kredite mehrerer Banken zu bekommen, sagte IHS-Chef Felderer zur APA. Einige Osteuropa-Projekte seien deshalb schon um einige Monate verschoben worden. Einen Börsegang würden auch in Europa derzeit "nur ganz Mutige wagen". Ein Wachstum unter 2 Prozent droht seiner Einschätzung nach aber im Moment noch nicht.

(APA/red)

22.1.2008 22:33