Unmut in Deutschland über Nokia-"Umzug":
Politiker solidarisieren sich mit Betroffenen
- Wirtschaftsminister gibt sein finnisches Handy ab
- 4.000 Arbeitsplätze sollen aus Bochum abwandern

·Kein EU-Geld im Spiel
bei Umzug von Nokia
D: Abbau tausender Jobs nicht von EU gefördert
·Finnen gewinnen: Nokia am wertvollsten
Führt Markenranking in Europa an. Red Bull 12.
Die Empörung über die Schließung des Bochumer Nokia-Werks ist groß. Der deutsche Verbraucherminister Horst Seehofer und der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck sind nun so böse mit dem finnischen Hersteller, dass sie ihre Nokia-Handys bereits abgelegt haben. Ob ein Produktboykott den Konzern beeindruckt, bezweifelt Kanzlerin Angela Merkel. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wusste es dagegen offensichtlich bereits vor Wochen besser: Und tauschte sein Nokia-Handy Ende November gegen ein iphone von Apple aus.
Vor der Presseschar zeigte sich Seehofer auf der Grünen Woche in Berlin handy-frei. "Aus Solidarität mit den Arbeitnehmern muss man solche Signale setzen", sagte der CSU-Politiker. Er sei vor allem darüber verärgert, dass die Schließung so kurzfristig mitgeteilt worden sei. Ihn störe die Art und Weise, wie die Nokia-Manager mit dem Thema umgingen.
Deutsche Regierung traf Nokia-Geschäftsleitung
Die deutsche Regierung hat sich mit der Geschäftsleitung von Nokia zu einem mehrstündigen Gespräch getroffen. Das gab das Wirtschaftsministerium bekannt. "Das Gespräch war informativ und der enormen Bedeutung der Thematik angemessen", erklärte ein Ministeriumssprecher. Die Unterredung habe unter Leitung des Parlamentarischen Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium, Hartmut Schauerte, stattgefunden. Über den Inhalt sei aber strikte Vertraulichkeit vereinbart worden. An dem Treffen nahm den Angaben zufolge auch die Wirtschaftsministerin aus Nordrhein-Westfalen, Christa Thoben, teil.
Politiker-Stimmen zum Nokia-Debakel
Seiner Empörung über die Schließung der Nokia-Niederlassung freien Lauf ließ Struck über die "Bild"-Zeitung: "Was Nokia in Bochum vorhat, ist eine Riesensauerei! Ich habe heute mein Büro gebeten, mir ein anderes Handy zu besorgen", erklärte er. Die deutsche Kanzlerin lässt sich gut eine Woche vor den wichtigen Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen zu solch öffentlichkeitswirksamen Gesten nicht hinreißen. Ganz im Gegenteil: Die Entscheidung Seehofers sei seine persönliche Entscheidung, teilte sie über ihren Sprecher Thomas Steg mit. Der Aufruf zu einem Produktboykott sei aus Sicht der Betroffenen und der Gewerkschaften nachzuvollziehen. Ob so etwas allerdings ein großes Unternehmen beeindrucke und es daraufhin seine Standortentscheidung verändere, bleibe dahingestellt.
Merkel jedenfalls würde ihr Handy wegen einer solchen Geschichte nicht zur Seite legen, wenngleich er noch nicht einmal wisse, welche Marke die Kanzlerin denn nun nutze, sagte Steg. "Bei ihr überwiegen in dieser Frage funktionale Überlegungen und deswegen bleibt sie beim augenblicklich genutzten Handy." Ihr gehe es in erster Linie um Benutzerfreundlichkeit, Verständlichkeit und Speicherkapazität. Und sie sei mit den technischen Möglichkeiten ihres Geräts momentan hochzufrieden. Merkel gilt als ausgiebige Handy-Nutzerin, die vor allem gern sms sendet.
Steg räumte ein: "Ganz grundsätzlich findet es die Bundeskanzlerin durchaus richtig und wichtig, wann immer es geht, für alles, was man täglich und auch für den Beruf braucht, danach zu gucken, ob die Dinge in Deutschland wachsen oder auch hergestellt werden." Bei vielen Produkten sei dies aber nicht der Fall. Die Konsequenz könne nicht sein, darauf zu verzichten.
Steinmeier tauschte sein Nokia-Handy bereits vor mehreren Wochen aus. Sein Sprecher Martin Jäger wies allerdings Vermutungen, Steinmeier sei prophetisch veranlagt und habe sein Handy wegen des Nokia-Rückzugs aus Deutschland getauscht, energisch zurück. Der Wechsel habe nichts mit dem aktuellen Fall zu tun.
Glos: "Weniger schöne Seiten der Globalisierung"
Erzürnt über die geplante Schließung sind auch andere. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos sagte dem "Hamburger Abendblatt": "Wir haben aber auch die weniger schönen Seiten der Globalisierung zu ertragen". Ihn befremde die Vorgehensweise, "dass man plötzlich über Nacht die Zukunftshoffnungen vieler Menschen zerstört, ohne vorher Alternativen anzubieten". Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück warf dem Nokia-Konzern im Deutschlandradio "Karawanen-Kapitalismus" vor. Der neue Anti-Bürokratie-Beauftragte der EU-Kommission, Edmund Stoiber, sagte der "Bild"-Zeitung: "Was hier abläuft, ist ein Skandal."
4.000 Arbeitsplätze gefährdet
Nokia hatte angekündigt, sein Bochumer Werk noch in diesem Sommer stillzulegen und die Produktion in andere europäische Werke - vor allem in Rumänien und Ungarn - zu verlagern. Nach Gewerkschaftsschätzungen sind durch die Stilllegung rund 4.000 Arbeitsplätze von Nokia-Angestellten, Leiharbeitern und Beschäftigten in Zulieferfirmen bedroht. Nokia hatte vom Bund und Land Nordrhein-Westfalen millionenschwere Subventionen erhalten. (apa/red)
