"Alten werden immer älter": Umdenken wegen demografischer Revolution angesagt?
- Paradigmenwechsel am Arbeitsmarkt erforderlich
- FORMAT: 2050 mehr als Hälfte der Bevölkerung 50+
Wer heute in Österreich geboren wird, hat eine 50-%-Chance, 100 Jahre alt zu werden. 2050 wird mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahre alt sein. An sich großartig - aber können wir uns das leisten? Ein FORMAT-Report über die gesellschaftlichen Folgen des Alterns.
Die Bevölkerung scheint zunehmend besorgt über die Auswirkungen dieses Alterungsprozesses. In einer aktuellen IMAS-Umfrage vom Dezember 2007 rechnen 91 Prozent der Österreicher mit ungünstigen Auswirkungen des Geburtenrückgangs. Während diese nur Europa betreffenden Zahlen (in den USA stagniert die Lebenserwartung) für den Einzelnen grundsätzlich positiv sind, bergen sie einen bunten Strauß an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konfliktpotenzialen: für die Sozialsysteme des Staates, für den gesellschaftlichen Umgang mit älteren Arbeitnehmern, für die Pflege der Älteren, aber auch für die persönliche Einstellung gegenüber dem Altern.
Experten warnen
Dennoch werden Experten, die in politischen Pensionsdebatten vor überzogenen Erhöhungen warnen, von den Regierenden meist belächelt. SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer höhnte im November anlässlich der vielfach kritisierten Pensionserhöhung in einer Aussendung: "Die Regierung macht die Pensionserhöhung nicht für die Experten, sondern für die Menschen." Der Soziologe Bernd Marin, der sich zuletzt im 800-Seiten-Wälzer "Mainstreaming Aging" mit den Folgen einer älter werdenden Gesellschaft auseinandergesetzt hat, warnt dennoch weiter: "Den heutigen Pensionisten wurden ohnehin um rund 30 bis 35 Prozent höhere Pensionen versprochen als durch eigene Beitragsleistungen gedeckt sind. Jede Erhöhung geht auf Kosten künftiger Pensionisten." Pensionsreformen, die das System weiterhin leistbar hal- ten sollen, würden durch Zwischenreformen wie etwa die Hacklerregelung verwässert.
Reine Panikmache?
Als Panikmache erachtet dagegen der Volkswirt an der Akademie der Wissenschaften Gunther Tichy die öffentlich diskutieren Zahlen. Denn Tichy beschäftigt sich in seinen Modellberechnungen nicht mit Jungen und Alten, sondern mit arbeitender und erwerbsloser Bevölkerung. Schon heute müssen 4,04 Millionen Arbeitende die Sozialbeiträge für 4,06 Millionen Kinder, Arbeitslose und Frühpensionisten erwirtschaften. Das Schrumpfen der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter werde zu einem Mangel an Arbeitskräften führen und damit Arbeitslose und Frühpensionisten drastisch reduzieren. Und auch Tichy schließt mit der Bemerkung: "Der Arbeitsmarkt muss sich total wandeln."
Arbeitsaktivierende Akzente setzen
Arbeitsaktivierende Maßnahmen wären deshalb unbedingt nötig. Die Voest Alpine Stahl Donawitz geht hier mit positivem Beispiel voran: Im 360-Grad-Programm werden mit Gesundheitswochen, ausgleichendem Fitnessangebot und einer sicheren Arbeitsplatzgestaltung Schritte gesetzt, mit denen Mitarbeiter länger und gesünder am Arbeitsplatz verweilen können. Darüber hinaus gibt es Altersteilzeitmodelle und eine lebensphasengerechte Arbeitsplatzgestaltung: "Dafür werden die Anforderungen der Arbeitsplätze und Fähigkeiten der Mitarbeiter regelmäßig untersucht", erläutert Programm-Koordinator Claus Hödl. Altersbedingte betriebsinterne Wechsel und damit verbundene Weiterbildung können so rechtzeitig geplant werden.
Erfahrung nutzen
Andere Firmen setzen nicht auf die Erfahrungen ihrer älteren Mitarbeiter, sondern schicken sie in die Frühpension oder in die Arbeitslosigkeit. Mit ihnen arbeitet Josef Siess, Leiter des Europäischen Services für Personalvermittlung und Unternehmensgründung (EUSPUG): "Wir betreuen ausschließlich Führungskräfte und Akademiker 45 plus. Diese verfügen über Erfahrung, Branchenwissen und ein Netzwerk an Kontakten. All das verlieren die Firmen, wenn sie ältere Mitarbeiter entlassen." Auch die Industriellenvereinigung erkennt mit ihrem Austrian Senior Experts Pool (ASEP), in dem 200 ehemalige Führungskräfte ihr Know-how anbieten, das gesellschaftliche Potenzial, das in der dritten Lebensphase von 60 bis 90 Jahren steckt.
Lesen Sie die gesamte Story im FORMAT 01-02-2008!


