Freitag, 11. Jänner 2008

Niemand will Neapels Abfall entsorgen: Krawalle nach Unrat-Transport in Sardinien

  • EU-Kommissionschef appelliert für rasche Lösung
  • 6.000 Tonnen Müll kommen per Schiff nach Sardinien

Auch die EU verfolgt mit Aufmerksamkeit die Entwicklung der Müllkrise in Neapel. EU-Kommissionschef Jose Manuel Durao Barroso, der die norditalienische Stadt Parma besuchte, erklärte sich über die Lage in der Vesuvstadt besorgt. Er erwarte, dass Italien die Notstandslage mit einschneidenden Maßnahmen bewältige. Außerdem seien langfristige infrastrukturelle Lösungen zur Müllentsorgung notwendig, sagte Barroso.

Der EU-Kommissionschef erklärte, dass Brüssel gegen Italien im vergangenen Juni ein Verfahren wegen Verletzung der Richtlinien über die Müllentsorgung in die Wege geleitet hat. Die Kommission habe im Dezember ein Programm für die Region Kampanien genehmigt, die EU-Fonds im Wert von 330 Millionen Euro für Projekte zur Entsorgung und Verarbeitung des Mülls bis zum Jahr 2013 vorsieht, berichtete Barroso.

Der von der Regierung Prodi beauftragte Sonderkommissar Gianni De Gennaro, der eine Strategie entwickeln soll, erhielt vom Kabinett die Kompetenz, den Einsatz des Heeres zu fordern, um die Straßen vom Müll zu befreien. In mehreren Ortschaften rund um die Vesuvstadt blieben die Schulen geschlossen, weil sich Berge von Abfall vor den Eingängen türmten. Mehr als 60.000 Schüler konnten diese Woche die Weihnachtsferien verlängern.

Behörden befürchten weitere Unruhen auf Sardinien
Inzwischen befürchten die Behörden weitere Unruhen auf Sardinien. 6.000 Tonnen Müll aus Neapel sollen demnächst per Schiff in den Hafen von Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens, eintreffen. Zuletzt war es zu gewalttätigen Protesten in Cagliari gegen den Unrat aus Neapel gekommen. Gruppen von Jugendlichen, die sich für die Unabhängigkeit Sardiniens vom Rest Italiens einsetzen, bewarfen die Polizei mit Knallkörpern und Steinen. Ein Parlamentarier der Oppositionspartei Forza Italia wurde leicht verletzt. Die sardinische Regionalregierung hatte zuvor erklärt, sie sei bereit, weiteren Müll aus Neapel aufzunehmen und zu entsorgen.

Die Bischöfe der Region Kampanien prangerten ein allgemeines gesellschaftliches Versagen an. Der aktuelle Notstand sei nicht nur die Folge falscher Entscheidungen, sondern auch Auswirkung eines konsumlastigen Lebensstils. Jeder müsse einsehen, dass er bisweilen gegen die Wahrheit und die Vernunft gehandelt und dadurch gesündigt habe.

(APA/red)

11.1.2008 18:33