Dienstag, 8. Jänner 2008

Müllkrise in Neapel eskaliert: Polizei und Demonstranten lieferten sich harte Kämpfe

  • Rund 5.200 Tonnen Abfall tummeln sich in der Stadt
  • Regierung Prodi sucht verzweifelt saubere Lösung

Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi sucht fieberhaft nach Lösungen für die Müllkrise in Neapel. Nun beriet sich der Premierminister mit Innenminister Giuliano Amato und dem Präsidenten Kampaniens, der Region um Neapel, Antonio Bassolino. Der Premierminister versprach "radikale Lösungen" zur Bewältigung des Notstands. Über 100.000 Tonnen Müll müssen in der Region entsorgt werden.

Bei einer Krisensitzung in Rom verlangte Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio, das Militär nicht nur den stinkenden Unrat vor den Schulen in Kampanien abtransportieren zu lassen. Ministerpräsident Romano Prodi erwägt, einen General als "Superkommissar" nach Neapel zu entsenden und die Soldaten dauerhaft einzusetzen, bis alle Müllberge beseitigt sind. In acht Deponien, darunter drei des Militärs, sollte der Abfall zwischengelagert werden. Außerdem will Rom soll schnell wie möglich mindestens zwei Anlagen bauen, in denen Biomasse in weiterverarbeitbare Energieträger umgewandelt wird.

Krawalle mit der Polizei
Im Vorort Pianura kam es wieder zu Krawallen mit der Polizei. An der Zufahrt zu einer alten Mülldeponie setzten Demonstranten einen Bus in Flammen und bewarfen die Sicherheitskräfte mit Steinen. Die Beamten setzten Tränengas ein. Eine Person wurde festgenommen.

Der Müll in der süditalienischen Metropole wurde seit dem 21. Dezember nicht mehr abgeholt, da es keinen Platz mehr auf den städtischen Deponien gibt. Die Bewohner verbrennen ihren Mist selbst, so dass ständig dichter und stinkender Rauch über der Stadt hängt. Experten warnen vor Dioxin-Emissionen.

Die Müllkrise im Großraum Neapel dauert schon seit Jahren an. Die bestehenden Deponien sind überfüllt, betroffene Gemeinden blockieren aber den Bau neuer. Mitglieder des organisierten Verbrechens unterwanderten nach Angaben der Behörden die Stadtreinigung. Außerdem soll eine chaotische Bürokratie für die Krise mitverantwortlich sein.

Die Camorra, die neapolitanische Variante der Mafia, hat sich laut Experten in den vergangenen 20 Jahren mit Erfolg in das große Geschäft mit der Abfallbeseitigung gedrängt. Sie vermuten, dass die Camorra auch hinter den Bürgerprotesten gegen die geplante Einrichtung von Lagerstätten und Verbrennungsanlagen steckt. Die Bürger Kampaniens verlangen zwar Mülldeponien, aber nicht in ihrer Nähe. Die örtlichen Behörden stehen auf ihrer Seite und blockieren die Einrichtung von Lagerstätten mit allen rechtlichen Möglichkeiten. Damit floriert das Geschäft der Camorra mit illegalen Mülllagern.

Nach Angaben der Umweltorganisation Legambiente erwirtschaftet das organisierte Verbrechen durch die illegale Entsorgung 600 Millionen Euro pro Jahr. In den vergangenen zwei Jahren seien zehn Millionen Tonnen giftiger Abfall verschwunden. Seit 2002 wurden 120 Personen wegen Handels mit illegalem Müll verhaftet, 277 Personen und 77 Unternehmen wurden angezeigt. Die illegale Müllentsorgung gefährdet auch die Gesundheit der Einwohner der Region.
(APA/red)

8.1.2008 14:02