Dienstag, 8. Jänner 2008

Zehnjährige wollte aus Fenster springen: Mädchen offenbar von Mutter misshandelt

  • Wollte aus Wohnung flüchten: Von Passant gerettet
  • Familie wurde das Sorgerecht vorläufig entzogen

Eine Verzweiflungstat steckt offenbar hinter dem Sturz eines zehnjährigen Mädchens aus dem Fenster eines Wiener Wohnhauses. Ein Passant entdeckte das am Sims im dritten Stock hängende Kind und konnte es gemeinsam mit einem Polizisten noch rechtzeitig auffangen. Das im Appartement der Mutter alleine eingesperrte Mädchen aus Bulgarin wollte laut Polizei flüchten. "Sie wollte aus der Wohnung, weil sie von der Mutter misshandelt wurde", erzählte sie den Beamten nach ihrer Rettung.

Eine Ärztin entdeckte am Körper der Zehnjährigen ältere Hämatome, die auf "eine in den letzten Tagen mehrfach durchgeführte Misshandlung" hindeuten, sagte Oberstleutnant Knut Pewal, Leiter des Kriminalkommissariats Mitte, zur APA. Das Krisenzentrum des Jugendamts hat der Familie aus Bulgarien noch das Sorgerecht entzogen.

Der Verdacht werde überprüft. "Den kann man im Moment nicht dementieren, aber auch nicht bestätigen", so Jugendamtssprecherin Gabriele Ziering zur APA. Das Mädchen soll noch im Krankenhaus bleiben, damit die Ärzte die Verletzungen genau ansehen und feststelle können, woher sie tatsächlich stammen. Die Mutter hatte wildes Spielen der Kleinen als Ursache angegeben.

Von Mutter und Onkel misshandelt
Laut den bisherigen Ermittlungen dürfte die Mutter das Mädchen allerdings mehrmals misshandelt haben, auch der Onkel soll laut Aussagen des Mädchens involviert sein. Die Beschuldigten dementieren die Vorwürfe. Ihr sei "nur ab und zu die Hand ausgerutscht", erklärte die Mutter der Polizei. Der 15-jährige Halbbruder der Frau bestreit das Kind geschlagen zu haben.

Beide werden wegen Quälens oder Vernachlässigens von Kindern und wehrlosen Personen angezeigt, so Pewal. Das Jugendamt untersucht derzeit die familiäre Situation der Zehnjährigen und deren Vorgeschichte. "Wir sind in Kontakt mit der Mutter", so Ziering. Das geschwisterlose Mädchen selbst werde im Spital von einer Psychologin betreut.

Sorgerecht entzogen
Nach dem Vorfall habe das Krisenzentrum des Amts den Eltern kurzfristig das Sorgerecht entzogen, so Ziering. Dies geschehe dann, "wenn man vermuten kann, dass es zu Hause zu einer Gefahr kommen könnte". Genau untersucht wird vom Jugendamt auch der Fenstersturz: "Ein Kind einsperren ist eigentlich ein Wahnsinn", urteilte die Sprecherin. "Was ist, wenn es brennt." Die Mutter und ihr Halbbruder wurden laut Polizei auch wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht und Freiheitsentziehung angezeigt.

Zu ihrer Familie darf die Kleine nicht zurückkehren, solange das Jugendamt den Misshandlungsverdacht überprüft. "In dieser Zeit wird sie sicher nicht nach Hause gehen", so Ziering. Werde sie aus dem Krankenhaus entlassen, übernehme ein Krisenzentrum vorläufig die Obsorge. Bisher hatte die Familie keinen Kontakt zum Jugendamt, die Zehnjährige und der Halbbruder der Mutter befinden sich laut Polizei erst seit fünf Monaten in Österreich. Die Mutter arbeitet bereits seit acht Jahren hier.

(apa/red)

8.1.2008 10:21