Donnerstag, 3. Jänner 2008

Kameljagd in Australien: Die Wüstenschiffe sind im Outback eine regelrechte Plage

  • Einst halfen sie beim Eisenbahnbau - heute stören sie
  • Jetzt wird Kamelfleisch als Delikatesse angeboten

Wasser? Nirgendwo in Sicht. Nur rote Erde, staubtrocken, karge Akazienbüsche, Spinifexgras, Geistereukalypten. In der Ferne streift eine Herde wilder Kamele durch die flimmernde Luft. Nein, hier geht es nicht um die afrikanische oder arabische Wüste, sondern um - Australien. Und die wilden Kamele sind dort mittlerweile eine regelrechte Plage geworden.

"Es sind einfach zu viel geworden; sie zerstören unser Buschland", sagt Dennis Orr von der "Frontier Camel Farm" in Alice Springs. Der Sohn eines Aborigines sattelt sein Rennkamel "Partner". Mit ihm hat er schon zweimal den "Camel Cup" gewonnen, das bekannteste Kamelrennen "down under". Orr lebt von den Kamelen, sieht in ihnen aber auch eine Gefahr - und zugleich eine Riesenchance für Tourismus, Ernährungsindustrie und die australischen Ureinwohner.

Kopfgeld für Kamele
Nach neuen Schätzungen leben im Outback mehr als 800.000 wilde Kamele. In keinem anderen Land der Erde gibt es solche Herden. "Unsere Regierung hat vor einigen Jahren darüber nachgedacht, eine Kopfprämie für die Jagd auf Kamele zu zahlen, um den Bestand zu senken", berichtet Orr. Mittlerweile scheint sich aber eine andere Idee immer mehr durchzusetzen: Kameljäger treiben die wilden Herden zusammen und bringen sie zur Südküste. Dort werden die Tiere getötet, ihr Fleisch in Boxen verpackt und verschifft. Am Ende landen die Kamele als Exportgut auch in den Ländern, aus denen sie vor über 150 Jahren herkamen.

Der Siegeszug der Wüstenschiffe
Adelaide, 12. Oktober 1840: Das vermutlich erste Kamel in der Geschichte Australiens wird von Bord eines Schiffes gehievt. Als einziges von neun Tieren hat es die Überfahrt von den Kanarischen Inseln überlebt. Auf dem Rücken dieses Dromedars zieht der Pionier und Forscher John Horrocks Richtung Norden. Sein "Wüstenschiff" bringt ihm kein Glück. Gerade in dem Moment, als Horrocks sein Gewehr lädt, macht das Tier einen Ruck - eine Kugel löst sich und verletzt den Reiter so schwer, dass er drei Wochen später stirbt.

Lastenträger beim Bau der Eisenbahn
Den Siegeszug der einhöckrigen Kamele konnte dieser Unfall nicht aufhalten. Von 1860 bis 1907 importierten die weißen Siedler 12.000 Dromedare, vor allem aus Pakistan, Indien und Nordafrika. Auf ihre Rücken wurde alles geladen, was die Pioniere brauchten zum Bau von Straßen, Eisenbahnlinien und Telegrafenleitungen, bis zu 600 Kilogramm je Tier.

Auch der schwunghafte Handel mit Gold, Diamanten, Wolle und Weizen folgte den Fußspuren der Kamele - bis immer mehr Güterzüge und Lastwagen den Transport übernahmen. Die Meister des Entbehrens: Jetzt waren sie selber entbehrlich. Man überließ sie ihrem eigenen Schicksal. In den Wüsten und Steppen des Hinterlandes verwilderten sie - und vermehrten sich.

Kamele als Wirtschaftsfaktor
Aus der Not wollen die Australier nun eine Tugend machen, aus der Kamelplage ein Geschäft. Ein Riesengeschäft. Experten sehen darin eine Ressource von hunderten Millionen Dollar im Jahr. Die Vereinigung der Viehzüchter im "Northern Territory" hat bereits Pläne zum Bau eines großen Schlachthofes im Landesinneren. Von dort aus soll das Kamelfleisch im großen Stil vermarktet werden, als Delikatesse für Edel-Restaurants ebenso wie als Tierfutter für Viehfarmen. Auch für die kalziumreiche Milch, die Lederhaut, die Wolle und für Kamelöl-Cremes aus Höckerfett hoffen die Australier auf eine Nachfrage aus aller Welt.

Und wer jetzt wissen will, wie Kamelfleisch schmeckt, der sollte bei seinem nächsten Australienurlaub unbedingt in Alice Springs vorbei fahren. Im "Overlanders Steakhouse" wird das fett- und cholesterinarme Fleisch den Touristen angeboten. Wer die Tiere lieber lebendig mag, der kann für 55 Australische Dollar (33 Euro) bei einem Kamelritt mitmachen. (apa/red).

3.1.2008 10:05