100 Dollar-Ölpreis als Konjunkturbremse: Rekord-Werte stoppen Wirtschaftswachstum
- Wifo: Prognose für 2008 nochmals um 2% reduzieren
- US-Wirtschaft & Euro-Stärke als zusätzliche Faktoren

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Nach der Rekordjagd der internationalen Ölpreise steigt die Sorge um ein weiteres Abflachen des Wirtschaftswachstums. Nachdem der US-Ölpreis erstmals in der Geschichte am 2. Jänner die 100 Dollar-Marke geknackt hatte, haben sich die Preise in New York mittlerweile nur knapp unter der Rekordmarke bei rund 99,50 Dollar je Barrel (159 Liter) gehalten und die Börsen auf Talfahrt geschickt. Experten schließen einen weiteren Anstieg nicht aus. Das könnte auch in Österreich das Wirtschaftswachstum 2008 noch stärker bremsen als bisher angenommen - ein Grund für Grünen-Chef Alexander van der Bellen, die Forderung nach einer "Energiewende" zu erneuern.
Nach Ansicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist der jüngste Anstieg des Ölpreises noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. "Die Ölvorräte werden zunehmend knapp, und das wird die Preise weiter hochtreiben", sagte DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert am Donnerstag. "In fünf Jahren ist ein Ölpreis von 150 Dollar wahrscheinlich, in zehn Jahren sogar ein Preis von 200 Dollar." Die Prognose erscheint nach der jüngsten Entwicklung sogar konservativ: 2007 alleine ist der Ölpreis um 57 Prozent gestiegen. Anfang 1999 kostete das Barrel noch unter 12 Dollar. Selbst inflationsbereinigt bewegt sich der Ölpreis nun auf dem Rekordniveau der frühen 80er Jahre.
Ursachen für Rekordpreise
Der DIW-Expertin zufolge dürfte um 2020 das Ölangebot die Nachfrage nicht mehr decken. Einer neuen Vorhersage der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) zufolge wird es 2024 so weit sein. Zuletzt haben laut Analysten neue Angriffe auf Förderanlagen in Nigeria den entscheidenden Ausschlag für den Preissprung gegeben. Zu dem jüngsten Anstieg trug außerdem auch die Nachricht von der Schließung mehrerer mexikanischer Häfen wegen schlechten Wetters bei. Darüber hinaus treiben auch der schwächelnde Dollar und Spekulanten weiter den Ölpreis an. Und dann sind auch noch die veröffentlichten US-Öllagerbestände stärker gefallen als erwartet.
Negative Auswirkungen für EU-Wirtschaft
Die EU-Kommission rechnet mittlerweile mit negativen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft, sollte das Preisniveau so hoch wie derzeit bleiben. Für Österreich hat das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) zuletzt in seiner vor Weihnachten veröffentlichten Schätzung für 2008 einen Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 2,2 Prozent 2008 vorhergesagt, nach 3,4 Prozent Wachstum im abgelaufenen Jahr. Dabei haben die Forscher einen Anstieg des Ölpreises von 72 auf 85 Dollar je Barrel einkalkuliert. Bleibt Öl aber so teuer wie jetzt, müsste die Wachstumsprognose für das neue Jahr womöglich noch einmal auf 2 Prozent reduziert werden, sagte Wifo-Volkswirt Marcus Scheiblecker am Donnerstag. Laut Herbert Lechner, stv. Geschäftsführer der Österreichische Energieagentur (der früheren Energieverwertungsagentur E.V.A.), könnten die hohen Ölpreise die österreichische Inflationsrate Richtung 3 Prozent treiben und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum sogar unter 2 Prozent drücken.
Schlechter Start ins Jahr
Den Aktienmärkten bescherte der Ölpreis mit deutlichen Verlusten vor allem in den USA einen denkbar schlechten Start ins Jahr. Der Dow Jones hat gleich zu Jahresbeginn 1,67 Prozent verloren, der deutsche DAX gab seit Jahresbeginn rund 2 Prozent nach und auch der Wiener ATX hat über ein Prozent nachgegeben. Aus Angst suchen Anleger nun sichere Häfen: Gold kostet mit rund 865 Dollar je Feinunze (31 Gramm) mehr als je zuvor und strebt nach Überschreiten der zuletzt 1980 erreichten 850 Dollar-Marke jetzt auf 900 Dollar zu.
Im Umfeld einer schwächelnden US-Wirtschaft und einer für die Exportwirtschaft ungünstigen, anhaltenden Euro-Stärke seien neue Ölpreisrekorde ein zusätzlicher dämpfender Faktor, sagte Scheiblecker. In Folge der hohen Ölpreisen gehe durch höhere Kosten im Verkehr nach wie vor Kaufkraft verloren. Der in den vergangenen Jahren ohnehin schwache Konsum werde weiter belastet.
Reaktionen der Grünen
Nach Rechnung der Grünen haben sich die Energiekosten für eine Vater/Mutter/Kind-Familie mit einer 90 Quadratmeter-Altbauwohnung und einem Benzin-Pkw zwischen 2004 und 2007 um 542 Euro erhöht. Und selbst bei einer allein stehenden Person ohne Auto mit einer Substandardwohnung sei ein jährlicher Anstieg von 173 Euro zu verzeichnen gewesen. "Wer heute noch auf Öl und Gas setzt, dem ist wirklich nicht zu helfen", sagte der Grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen bei einer Pressekonferenz. Er plädierte einmal mehr dafür, bis 2020 den Strom komplett auf erneuerbare Energien umzustellen und bis 2030 Öl und Gas durch Wärmedämmung und Passivhaus-Standards aus den Heizungen zu verbannen.
Sprit in Österreich
Die Spritpreise in Österreich bewegen sich derzeit weiter nahe ihrem Rekordniveau. Superbenzin kostete laut ARBÖ-Erhebung im Durchschnitt 1,185 Euro je Liter, Diesel 1,163 Euro. Erst am Mittwoch hat der Leiter der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB), Theodor Thanner, neue Untersuchungen wegen angeblichen Preisabsprachen bei den Tankstellen angekündigt. Die OMV wies jegliche Vorwürfe zurück. Sie erwartet im übrigen nach wie vor, dass die Ölpreise im heurigen Jahresverlauf wieder auf 60 bis 70 Dollar zurückgehen werden.
(apa/red)

