"Hier hat jeder eine Stimme": Urig-seltsame
Kandidatenkür bei Basisdemokratie in Iowa
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Manchmal sind es die unscheinbarsten Orte, an denen weltpolitische Entwicklungen ihren Anfang nehmen. Etwa im Biologie-Hörsaal 101 auf dem tief verschneiten Campus der Drake-Universität in Des Moines: 176 Anhänger der US-Demokraten haben sich hier in Iowas Hauptstadt versammelt, um in einem manchmal chaotischen, auf jeden Fall aber urwüchsig demokratischen Verfahren ihren Favoriten für das Weiße Haus zu küren. "Jetzt geht es zur Entscheidung", ruft Sitzungspräsident Norm Knight nach den Begrüßungsworten. Stimmengewirr, es kommt Bewegung in den Saal, dessen Eingang ausgestopfte Nagetiere zieren - dann wird durchgezählt. Klarer Gewinner in Iowas Wahlbezirk 045 ist Barack Obama mit 74 Stimmen.
Basisdemokratie auf amerikanisch: "Hier hat jeder eine Stimme, dieser Abend ist ein Stück Geschichte", sagt Erstwählerin Elizabeth Harmen, die wegen Senator Obama zu der Wahlversammlung gekommen ist. In Turnhallen, Schulen, Kirchen und Hörsälen an fast 1.800 Orten haben sich an diesem eisigkalten Abend im US-Bundesstaat Iowa die Wähler zu den traditionsreichen Caucuses versammelt. Das Wort stammt aus der Indianersprache und bezeichnete ursprünglich einen Stammesrat. An diesem Abend geht es freilich darum, dass Demokraten und Republikaner hier ihren Favoriten für die Spitzenkandidatur zur Präsidentschaftswahl im November küren.
Die gelebte Basisdemokratie hat ihre Tücken. So kompliziert ist das Abstimmungsverfahren, dass Caucus-Leiter Knight Mühe mit dem Erklären hat. Mehrfach verhaspelt er sich beim Verlesen der Regularien. "Ich bin ein alter Mann", entschuldigt er sich. Es wird buchstäblich mit den Füßen abgestimmt, so sehen es die Regeln vor. Die Caucus-Teilnehmer werden gebeten, sich in jene Ecke des Saals zu begeben, die mit dem Namen ihres Lieblingskandidaten gekennzeichnet ist. "Die Clinton-Leute treffen sich unter der Tafel, die von Obama vorne rechts, und die Edwards-Leute draußen auf dem Flur", ruft Knight. Antreten zum Zählappell: Es wird Kopf für Kopf durchgezählt. Wahlgeheimnis gibt es nicht.
Viele Erstwähler
Viele hier sind zum ersten Mal dabei, von Politikverdrossenheit keine Spur in Iowa. An die 230.000 Demokraten nahmen nach ersten Parteischätzungen an den Caucuses teil - 2004 waren es nur 124.000. Die Studentin Amy Belson ist fasziniert von dem Verfahren. "Wer hier gewinnt, könnte bald der mächtigste Mann der Welt sein." In den 70er Jahren hat sich der Abstimmungsmodus etabliert. Er soll sicherstellen, dass die Basis den Kandidaten ohne Bevormundung durch den Parteiapparat bestimmen kann. Kein Vergleich also zu Deutschland, wo die "K-Frage" oft von Parteigremien in Hinterzimmern entschieden wird.
Das Verfahren in Iowa gibt Außenseitern eine echte Chance: So konnte es kommen, dass die mächtige Kandidatin des Parteiestablishments, Hillary Clinton, gegen den jungen Aufsteiger Obama unterlag. Beim Caucus in der Drake-Universität sieht es besonders düster für Clinton aus: Nur 22 Teilnehmer gruppierten sich in ihrer Ecke. Damit verfehlte sie die 15-Prozent-Hürde, ihre Stimmen wurden als ungültig gewertet - betretene Gesichter. Die Regeln hätten es erlaubt, dass sich ihre Anhänger nun einer anderen Gruppe anschließen. "Kommt doch rüber", ruft einer aus dem Obama-Lager. Von Clintons Leuten will aber keiner diesem Lockruf folgen.
(APA/red)
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