Tiefe Gräben: Gefährliche Mischung von
Politik und Stammesdenken in Kenia
- Luo machen Front gegen Mehrheitsstamm der Kikuyu

·BILDER der blutigen Unruhen in Kenia
Armut und Verbitterung entladen sich in Gewalt
·Gefährlich: Politik und Stammesdenken
Tiefe Gräben ziehen sich durch Gesellschaft Kenias
·Unruhen: Hat der Westen versagt?
Angst vor der "kenian-
ischen Katastrophe"
·Kenia: Das ist Tiere, Kaffee und Korruption
Industriell am besten ent-
wickeltes Land Ostafrikas
Nach der Präsidentenwahl in Kenia haben sich Armut und Verbitterung in einer Explosion der Gewalt entladen. Die Unruhen wurzeln in der engen Verbindung von politischen und ethnischen Loyalitäten. Von einem Präsidenten aus dem eigenen Stamm erwarten die Kenianer, dass sie bei der Vergabe von Mitteln, Arbeitsplätzen und anderen Vergünstigungen bevorzugt berücksichtigt werden. Zum Ausdruck gebracht wird dies in dem Spruch: "Jetzt sind wir dran mit Essen."
Der so umstritten im Amt bestätigte Präsident Mwai Kibaki gehört den Kikuyu an, der größten ethnischen Gruppe in Kenia. Den Kikuyu wird von anderen Stämmen regelmäßig vorgeworfen, das Geschäftsleben und die politische Macht in ihren Händen zu konzentrieren. Vor allem die Luo, denen Oppositionsführer Raila Odinga angehört, gehörten stets zu den Chefkritikern der Kikuyu. In Kenia gibt es 42 Stämme, darunter die stattlichen Viehhirten der Massai oder die Kalenjin im Rift Valley.
Um Kandidaten für das Präsidentenamt zu zwingen, sich auch an Angehörige anderer Stämme zu wenden, wurde 1992 die Verfassung geändert. Demnach muss der Wahlsieger nicht nur die meisten Stimmen gewinnen, sondern auch mindestens 25 Prozent der Stimmen in fünf der acht kenianischen Provinzen. Bei der ersten Mehrparteienwahl 1992 warben die neuen Oppositionsparteien aber vorrangig in ihrem eigenen ethnischen Umfeld. Damals kamen bei Zusammenstößen zwischen Angehörigen rivalisierender Stämme mehrere hundert Menschen ums Leben und hunderttausende aus ihren Wohnorten vertrieben. Viele sind bis heute noch nicht zurückgekehrt.
Auch 1997 schwere Unruhen
Ähnliche Unruhen gab es bei der Wahl 1997, wenn auch in geringerem Ausmaß. Bei der Wahl am Donnerstag vergangener Woche kam es nur sporadisch zu gewaltsamen Übergriffen. Das änderte sich aber schlagartig, als klar wurde, dass Amtsinhaber Kibaki zum Wahlsieger erklärt würde. Anhänger von Odinga lieferten sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Daneben kam es aber auch zu Kämpfen zwischen Angehörigen verschiedener Stämme. In vielen Provinzen seien Häuser von Kikuyu attackiert worden, sagte der Leiter des Kenianischen Roten Kreuzes, Abbas Gullet. Die Familien hätten ihre Zuflucht auf der Polizeiwache gesucht. Aufgebrachte Anhänger der Opposition wollten selbst von Rot-Kreuz-Helfern erst wissen, welchem Stamm sie angehörten.
In der Slumsiedlung Mathare in Nairobi stoppten Anhänger der Opposition einen Kleinbus und durchsuchten die Fahrgäste. "Es waren 14 Leute in dem Fahrzeug, aber sie haben nur den Kikuyu etwas angetan", sagte der Augenzeuge Boniface Mwangi. Fünf der Fahrgäste wurden mit Macheten verletzt.
In seiner Neujahrsansprache sagte Kibaki: "Nachdem die Wahlen hinter uns liegen, ist es Zeit für Versöhnung unter allen Kenianern." Er rufe alle zu einem erneuerten Geist der nationalen Einheit auf und forderte seine Anhänger auf, den Konflikt mit der Opposition nicht nach ethnischen Kriterien zu betrachten. Diese Botschaft findet aber offenbar nur wenig Anklang. In der Elendssiedlung Kibera am Rande der Hauptstadt Nairobi beobachtete der 26-jährige Abdi Ochieng, wie seine Nachbarn vom Stamm der Luo Geschäfte von Kikuyu-Kaufleuten plünderten. "Warum verbrennen wir diese Geschäfte?" fragte er. "Sie gehören doch weder Kibaki noch Odinga."
(apa/red)
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